Türchen #21

Die Liste von Stürmern, die Hannover 96 verpflichtet hat, um endlich mal einen Torjäger zu haben und die dann doch nie was wurden, ist lang. Die letzten Namen auf der Liste sind Mevlut Erdinç und Charlison Benschop. Guckt man auf der Liste ein paar Jahre nach oben, so findet man einen Bayern, der im Nachhinein lieber gar nicht erst zu Hannover gekommen wäre.

 

Türchen #21: Benjamin Lauth

Benjamin Lauth ist ein Sechzger durch und durch. Geboren wurde er zwar 1981 in der Nähe des Tegernsees in Oberbayern, aber ab der D-Jugend spielte der Stürmer bei 1860 und durchlief dort alle Jugendmannschaften, bis er mit 19 zunächst bei der zweiten Mannschaft auflief und dort in zwei Saisons in Regionalliga Süd und Oberliga Bayern regelmäßige Einsatzzeiten erhielt. Zwar hatte er in Juniorenzeiten auch immer mal Anfragen von den großen Bayern erhalten, diese aber immer ignoriert oder abgelehnt. Sein Debüt in der Bundesliga gab er am 34. Spieltag der Saison 2001/02 in Mönchengladbach, als er beim 4:2-Sieg für Markus Weissenberger kurz vor Schluss eingewechselt wurde. Sein erstes Tor schoss er kurz nach seinem 21. Geburtstag am 2. Spieltag der folgenden Saison bei Hannover 96, wo er als Joker das 3:1 in der Schlussminute besorgte. Bis zum ersten Spiel von Beginn an musste er aber noch bis zum 6. Spieltag warten, danach war er aus dem Angriff der „Löwen“ nicht mehr wegzudenken.

Zwischen 2003 und 2004 durfte Benjamin Lauth als Nachwuchsspieler auch fünfmal in der Nationalmannschaft bei Freundschaftsspielen mitspielen. Er stand bei diesen Testspielen aber nie in der Startelf und traf in dieser düsteren Nationalelfzeit auch kein Tor.

In seiner ersten kompletten Bundesligasaison schoss er 13 Tore und legte sieben weitere vor, dazu kamen in der Saison 2003/04 noch einmal neun Tore und zwei Assists. Diese reichten aber nicht, um den Abstieg zu verhindern. Lauth wäre gerne länger bei 1860 geblieben, sah aber ein, dass der Verein ihn nicht halten konnte und deswegen wechselte der Stürmer für über 4 Millionen Euro zum Hamburger SV.

Im Norden

Sein erster Einsatz für den HSV kam im Pokalspiel gegen den SC Paderborn, Schiedsrichter war ein gewisser Robert Hoyzer. In der Liga kam er die Woche darauf am 3. Spieltag von der Bank zu seinem Heimdebüt und schoss gleich den 4:3-Siegtreffer gegen den 1. FC Nürnberg. Danach war Lauth wegen einer Knöchelverletzung jedoch zu einer Zwangspause gezwungen und konnte erst zur Rückrunde wieder auflaufen. In dieser traf er noch drei weitere Male und hoffte auf eine bessere zweite Saison. Trainer Thomas Doll vertraute dem Stürmer in der Saison 2005/06 regelmäßig, im UEFA-Cup schoss Lauth zwei Tore, darunter auch beim Achtelfinal-Aus gegen Rapid Bukarest. In der Liga stand er 31-mal auf dem Rasen, konnte aber nur sechs Tore erzielen. Hamburg wurde Dritter in der Liga und qualifizierte sich gegen Osasuna für die Gruppenphase der Champions League. Dort reichte es für Lauth gegen ZSKA Moskau und den FC Arsenal für zwei Kurzeinsätze.

In der Liga wurden die Einsatzzeiten immer geringer, nur zweimal durfte er von Beginn an spielen, weitere viermal kam er von der Bank. Zum Jahresende 2006 stand der HSV im Tabellenkeller und Thomas Doll vor der Entlassung. Der HSV verlieh den mittlerweile 26-jährigen Angreifer zum VfB Stuttgart, der zur Winterpause auf Platz 4 stand, vier Punkte hinter Tabellenführer Werder Bremen. Zwar würde niemand behaupten wollen, dass Benny Lauth entscheidenden Anteil am Meistertitel der Stuttgarter 2007 hatte, aber er kam auf elf Kurzeinsätze und traf gegen Alemannia Aachen. Im DFB-Pokal-Finale saß er 120 Minuten auf der Bank und der VfB verlor gegen Nürnberg im Elfmeterschießen.

96

Die Kaufoption wollte Stuttgart nicht ziehen, der HSV den Stürmer aber auch nicht unbedingt behalten, weil sie sich von Lauth mehr erhofft hatten. Und so sprang Hannover 96 ein und überwies 800.000 Euro an die Elbe. Sein erstes Spiel war direkt gegen den HSV, in dem er kurz vor Schluss eingewechselt wurde. Gegen Karlsruhe am 2. Spieltag stellte ihn Trainer Dieter Hecking in die Startelf. Das war aber einer der wenigen Spieltage, wo Lauth das vergönnt war. Eigentlich saß er nur viel auf der Bank und spielte gelegentlich kurz vor Schluss mit, wie auch am 22. Spieltag, als ihm die Vorlage zum 2:1-Siegtreffer von Szabolcs Huszti gegen Nürnberg gelang.

Lauth sagt selbst, dass er sich die Station in Hannover hätte sparen können, weil einfach nicht viel zusammenpasste. Um der ganzen Geschichte noch einen positiven Spin zu geben, könnte man vielleicht sagen, dass dieses Kapitel ein weiterer Anreiz war, nach Hause zurückzukehren.

Heimwärts

Zur Saison 2008/09 unterschrieb Lauth nämlich wieder beim Kindheitsklub 1860, wo es ihm spürbar besser ging. Zwar spielten die „Löwen“ jetzt 2. Liga, aber Lauth war zuhause. Gleich im ersten Spiel gegen den SC Freiburg traf er, bis zum Saisonende kamen 14 weitere Tore hinzu. Nach einer etwas schwächeren zweiten Saison mit nur sechs Treffern drehte er 2010/11 wieder auf und schoss 16 Tore in 33 Saisonspielen. In all der Zeit bewegte sich der Klub im Mittelfeld der Tabelle, es reichte weder nach oben noch nach unten.

Die gute Form konnte er auch trotz des fortschreitenden Alters weiter halten, in den beiden folgenden Saisons kamen noch einmal elf beziehungsweise zwölf Treffer hinzu. Mittlerweile war Lauth auch fast 32 und so kam es nicht überraschend, dass sich in seiner letzten Saison bei den „Löwen“ 2013/14 die Einsätze verringerten und nach nur drei Treffern der auslaufende Vertrag nicht verlängert wurde.

Ungarn

Für Lauth war das aber noch zu früh zum Aufhören, deswegen wurde er hellhörig, als er einen Anruf von Ferencváros aus Budapest bekam. Sein alter Trainer aus Hamburger Tagen Thomas Doll war dort neuer Coach geworden und suchte ein paar Mitstreiter für das Abenteuer Ungarn. Nachdem sich Lauth mit Gábor Király beraten hatte, konnte dieser ihm Budapest schmackhaft machen. Dazu hatte Doll eine kleine Schar von Bundesligaspielern um sich gesammelt.

In der Saison spielte Lauth noch einmal international, schied aber gegen Rijeka in der Europa-League-Qualifikation aus. In der Liga schoss er sechs Treffer und damit den Verein zum Vizemeistertitel hinter Videoton. Bei den Pokalen wurde aber ordentlich abgesahnt: Ferencváros holte den ungarischen Pokal, den Superpokal und den Ligapokal 2015.

Nach diesem Jahr wartete Lauth mit nun 34 Jahren noch einmal darauf, dass sich ein Verein bei ihm meldete und bei dem er sich vielleicht noch einmal zeigen könnte. Aber auch 1860 wollte ihn nicht ein drittes Mal als Spieler zurückholen und so beendete der Stürmer still und heimlich seine Profikarriere. Er hat genug Pläne, sich als Trainer oder Manager zu probieren, diese wird er jetzt aber langsam und ganz in Ruhe angehen. Er hat ja noch Zeit, bis sein Sohn mit den Sechzgern Champions League spielt.

Eine echte #h96legende.

 

Noch jemand?

Heute nicht.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)
Türchen #5 – Abel Xavier (5 Spiele, 0 Tore)
Türchen #6 – Jan Simak (6 Spiele, 2 Tore)
Türchen #7 – Gunnar Heidar Thorvaldsson (7 Spiele, 0 Tore)
Türchen #8 – Carlitos (8 Spiele, 0 Tore)
Türchen #9 – Erik Jendrisek (9 Spiele, 0 Tore)
Türchen #10 – Roman Wallner (10 Spiele, 0 Tore)
Türchen #11 – Jan Rosenthal (80 Spiele, 11 Tore)
Türchen #12 – Hanno Balitsch (150 Spiele, 12 Tore)
Türchen #13 – Mohamadou Idrissou (64 Spiele, 13 Tore)
Türchen #14 – Johan Djourou (14 Spiele, 0 Tore)
Türchen #15 – Valdet Rama (15 Spiele, 0 Tore)
Türchen #16 – Artjoms Rudņevs (16 Spiele, 4 Tore)
Türchen #17 – Sören Halfar (17 Spiele, 0 Tore)
Türchen #18 – Ricardo Sousa (18 Spiele, 1 Tor)
Türchen #19 – Sérgio da Silva Pinto (159 Spiele, 19 Tore)
Türchen #20 – Clint Mathis (20 Spiele, 5 Tore)

Türchen #7

Nach dem Highlight gestern geht es heute zurück in den vermeintlich grauen Alltag. Der heutige Spieler ist ein nordeuropäischer Nationalspieler, der mit 24 in die Bundesliga kam und dort… keinen Eindruck hinterließ.

 

Türchen #7: Gunnar Heidar Thorvaldsson

Momentan sind die isländischen Spieler ja in aller Munde. Eine goldene Generation voller technisch versierter junger Spieler hat sich für die EM 2016 qualifiziert, ein unfassbarer Erfolg für das Land mit 300.000 Einwohnern. Gunnar Heidar Thorvaldsson ist nun ein Spieler, der genau davor aktiv war und auch niemals die technischen Fertigkeiten hatte.

Thorvaldsson kommt von den Vestmannaeyjar, den sogenannten „Westmännerinseln“, die vor der Südküste Islands liegen. Auf den 14 Inseln leben knapp 4000 Menschen, die Verbindung zum Festland besteht per Fähre oder per Flugzeug. Auf diesen rauen Felsen lernte Thorvaldsson das Fußball spielen, natürlich beim Inselklub IBV. 2003 und 2004 wurde er als Nachwuchsstürmer zweimal Torschützenkönig und erweckte so das Interesse anderer Vereine aus der Region.

Der Weg nach Süden

Es ging zu Halmstads BK, in Süden Schwedens. Zum Saisonende im Herbst 2004 musste Thorvaldsson mitansehen, wie sein neuer Klub die sicher geglaubte Meisterschaft noch verspielte. Trotzdem hatte man sich als Vizemeister für den UEFA-Cup qualifiziert. In der KO-Runde vor der Gruppenphase schlug man sensationell Sporting CP, Thorvaldsson steuerte zwei Treffer bei. In der Gruppe war man gegen Hertha, Lens, Sampdoria Genua und Steaua Bukarest aber chancenlos.

Die Auftritte in der Heimatliga und in der Allsvenskan hatten seinen Nationaltrainer aber überzeugt und 2005 durfte Thorvaldsson gegen Italien sein Debüt geben. Insgesamt machte er 24 Länderspiele für sein Land und traf fünfmal.

Hannover

Auch in der Allsvenskan 2005 war Thorvaldsson ein guter Torschütze und wurde auch hier Torschützenkönig. Kein Wunder, dass Ilja Kaenzig von Hannover 96 hier ein Juwel vermutete. Dazu verließen mit Thomas Christiansen und Mohamadou Idrissou zwei Stürmer den Verein. Im Angriff musste Thorvaldsson sich nun gegen Jiri Stajner und Vahid Hashemian behaupten, allerdings hatte er unter Trainer Peter Neururer nicht den besten Stand. Sein erster Einsatz kam am 3. Spieltag von der Bank, als man mit 0:3 gegen Aachen unter die Räder geriet. Wenige Tage später war Peter Neururer entlassen worden, weil 96 mit null Punkten und 3:11 Toren Tabellenletzter war.

In der Hinrunde reichte es nur noch zu einem Kurzeinsatz gegen den VfB. Die beste Chance bekam Thorvaldsson unter dem neuen Trainer Dieter Hecking zu Beginn der Rückrunde. Nach weiteren Joker-Einsätzen gegen Aachen, Wolfsburg und Frankfurt stellte Hecking den Isländer in die Startelf. Gegen Schalke durfte er 72 Minuten spielen, gegen den HSV eine knappe Stunde. In beiden Spielen waren seine Aktionen eher unglücklich, verstolperte aussichtsreiche Situationen und bewarb sich nicht für weitere Spiele. Gerade das HSV-Spiel – ein 0:0 – bleibt hauptsächlich wegen der Dreifachparade von Robert Enke kurz vor Schluss in Erinnerung, statt einer besonderen Aktion eines Angreifers.

Skandinavien

Den Rest der Saison verbrachte Thorvaldsson auf der Tribüne und wurde nach sieben Bundesligaspielen im Sommer nach Vålerenga verliehen. In der 2. Hälfte der Tippeligaen-Saison 2007 traf er zweimal, dazu kamen zwei weitere Tore in der ersten Saisonhälfte 2008 in Norwegen. Er spielte regelmäßig und hatte eher sein Niveau gefunden, im Anschluss an diese Leihe ging es aber in das nächste skandinavische Land, nach Dänemark. Hannover 96 konnte knapp 150.000 Euro der investierten 500.000 Euro Ablöse von Esbjerg fB wieder reinholen. Bei Esbjerg lief es ganz okay für ihn, er bekam ordentliche Einsatzminuten, traf aber das Tor viel zu selten. Deswegen wurde Thorvaldsson im Januar 2010 in die englische 2. Liga zum FC Reading ausgeliehen. Das war aber auch kein großer Erfolg, er kam nur zu vier Einsätzen. Nach seiner Rückkehr nach Dänemark ging es direkt wieder weiter zu Frederikstad, zurück nach Norwegen, um dort beim Rest der Saison auszuhelfen. Beim Zweitligisten traf er bei den restlichen Ligaspielen und in der Relegation, um dem Verein aus dem Süden Norwegens den direkten Wiederaufstieg zu ermöglichen.

Ausflug in die Türkei

Im Januar 2011 wurde sein Vertrag in Dänemark aufgelöst und Thorvaldsson begann sich umzusehen. Mit Ende 20 war die große Karriere in den großen Ligen Europas nicht mehr möglich, aber in den Ligen Schwedens und Norwegens war er begehrt. Der Aufsteiger IFK Norrköping sicherte sich seine Dienste für mehrere Jahre. In der ersten Saison schoss Thorvaldsson acht Tore, 2012 waren es sogar 17 Treffer für die Schweden. Als er in der Hinrunde 2013 in 15 Spielen neun weitere Tore erzielt hatte, wurde Konyaspor hellhörig und unterbreitete dem nun 31-Jährigen ein Angebot. Für zwei Jahre sollte er in der Süper Lig für den Aufsteiger knipsen. Es reichte aber nur zu einem einzigen Tor gegen Gençlerbirliği und zum Saisonende kehrte er zurück in die skandinavische Heimat.

Für BK Häcken absolvierte er 12 Spiele im Rest der Allsvenskan 2014 und schoss zwei Tore, 2015 erreichte er mit dem Göteborger Klub das Pokalhalbfinale, schied dort aber gegen den Lokalrivalen IFK aus. Im Sommer 2015 zog es den mittlerweile 33-Jährigen zurück zu seinem Heimatverein IBV, zurück auf die Felseninseln. Mit vier Treffern in den letzten Monaten konnte er den Nichtabstieg sicherstellen.

Eine echte #h96legende.

 

Noch jemand?

Dieses Mal sind noch einige andere Kollegen da. Als erstes wäre František Rajtoral zu nennen, der im Januar 2014 Hiroki Sakai auf der Rechtsverteidigerposition Konkurrenz machen sollte. Nach einem starken Spiel gegen Gladbach nahm die Leistung mit den nächsten Spielen spürbar ab, so dass er meist wieder auf der Bank Platz nahm. Er spielt jetzt wieder für Viktoria Plzeň, momentan auch nur auf der Bank, aber immerhin noch international in der Europa League.

Ein weiterer Wintertransfer war Élson, der Brasilianer aus Stuttgart. Nachdem die Stuttgarter ihn schon überall in Brasilien verliehen hatten, griff Jörg Schmadtke im Januar 2010 zu, um die Horror-Saison zu retten. Er schoss ein Tor gegen den SC Freiburg und hätte auch noch mehr Einsätze gehabt, aber nach seinem siebten Spiel, dem 4:2 gegen Schalke, riss er sich das Innenband im Knie und sah die Rettung von der Tribüne aus, bevor es wieder zum VfB ging. Von da ging es über Rostov zurück nach Brasilien, wo er jetzt im Ruhestand ist.

Nicht vergessen werden soll Jonas Troest, ein junger Verteidiger, der im Januar 2006 aus Dänemark zum Klub kam. Nach zwei kompletten Spielen in der Rückrunde 05/06 kamen noch fünf Kurzeinsätze. Im Januar 2007 ging er wieder zurück nach Dänemark, wo er durch mehrere Vereine tingelte und jetzt mit 30 Jahren bei AB in der 2. dänischen Liga spielt.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)
Türchen #5 – Abel Xavier (5 Spiele, 0 Tore)
Türchen #6 – Jan Simak (6 Spiele, 2 Tore)

Türchen #6

Nikolaus ist ja immer ein besonderer Anlass, in vielen Haushalten stehen heute Stiefel voller Süßigkeiten vor der Tür. Ich nutze diesen Tag, um auf einen der ernsthaft talentiertesten Spieler zu blicken, der jedem Fan ein Begriff ist und zu dem jeder Bewohner der Stadt Hannover eine eigene Anekdote zu erzählen hat. Ein prall gefüllter Fußballstiefel, quasi.

Türchen #6: Jan Simak

Der 37-Jährige hat vermutlich die größte Differenz zwischen Talent und Ertrag in diesem Kalender vorzuweisen. Geboren in Tabor, einer Kleinstadt südlich von Prag, verlebte er dort seine Jugend bei Vereinen des Orts und bei České Budějovice. Mit 18 Jahren ging es zu Chmel Blšany, einem kleinen Verein im Westen Tschechiens. Zunächst spielte Simak dort in der 2. Liga, 1998 kam der Aufstieg. Im kommenden Jahr stand ein 17-jähriges Torwarttalent zwischen den Pfosten, ein gewisser Petr Cech.

Erstes Mal bei Hannover

Im Jahr 2000 kam der Wechsel nach Hannover, für 250.000 Euro holte sich 96 den 22-jährigen Simak. Zwar war seine Reputation eine voller rauschender Feiern und einer eher laxen Auslegung der Trainingsbeteiligung, aber auf dem Platz agierte er wie ein Weltklassespieler. Nachdem es in der Debütsaison zu neun Toren reichte, wurde in der Aufstiegssaison 01/02 noch einmal deutlich nachgelegt. 18 Tore und 19 Vorlagen beschreiben ganz gut, warum er sich in die Herzen der Fans spielte. Probleme abseits des Platzes wurden zwar adressiert, aber nicht konsequent unterbunden. Man gewährte Simak seine Freiheiten.

Ballack-Nachfolger

Bayer Leverkusen hatte sich vorgenommen, das Talent zu einem Topstar zu schmieden. Klaus Toppmöller wollte Simak formen, ihn zum Ballack-Nachfolger machen. Dieser war nach den drei zweiten Plätzen 2002 und dem verpassten WM-Finale zum FC Bayern gegangen. Simak spielte zu Saisonbeginn regelmäßig, allerdings nicht auf seiner gewohnten zentralen Mittelfeldposition, sondern auf dem linken Flügel. Trotzdem erwischte er einen Auftakt nach Maß: Gegen Cottbus und Bochum traf er am 1. und 3. Spieltag, wie man ihn kennt durch knallharte Schüsse mit seinem linken Schlappen. Danach wurden seine Einsatzzeiten jedoch weniger. Im Hintergrund hatte Leverkusen viel mit seinen Feiern und seinem Alkoholproblem zu tun. In der Rückrunde besuchte Bayer Hannover 96 am 22. Spieltag, Simak durfte mal wieder in der Startelf stehen. Das lag vor allem daran, dass Trainer Toppmöller entlassen worden war und sein Nachfolger Thomas Hörster sehen wollte, „auf wen er sich verlassen kann“. Klar, dass Jan Simak gegen seinen Ex-Klub in der 91. Minute den 2:1-Siegtreffer markierte.

Das zweite Mal 96

Das war sein letztes gutes Spiel für Leverkusen, danach kamen nur noch wenige Kurzeinsätze. Im Sommer 2003 präsentierte Hannover 96 die Rückkehr des verlorenen Sohns, der Rekordtransfer wurde vom Ligakonkurrenten ausgeliehen. Gegen den HSV dauerte es nur elf Minuten, bis sein erster Assist zu verzeichnen war und Jiri Stajner das 1:0 erzielte. Simak wirkte wie befreit und machte in den nächsten Spielen auch genauso weiter. Gegen Hansa Rostock netzte er am 4. Spieltag zum ersten Mal, im folgenden Spiel gegen die Hertha markierte er mit einem starken Drehschuss seinen zweiten Treffer.

Aber dann… Nach dem 2:0-Sieg gegen Mönchengladbach tauchte Simak ab. Er fuhr nach Tschechien, meldete sich nicht ab, galt als verschollen. In Hannover setzten sich die verschiedenen Verantwortlichen zusammen: Berater, Trainer, Manager von 96 und Bayer, alle versuchten, eine Lösung für das Problem zu finden. Simak redete derweil mit seinem Berater. Er könne nicht mehr, brauche eine Pause. Sein Kopf mache einfach nicht mehr mit. Berater Christoph Leutrum berichtete von depressiven Schüben, Sportdirektor Ricardo Moar offenbarte Ahnungslosigkeit, als er erwiderte, Simak habe gar keine Depressionen haben können, er habe doch jeden Tag Witze gemacht. Für Simak stand jedoch fest: Mehr als diese sechs Erstligapartien für Hannover 96 könne er nicht leisten.

Neuanfang in Prag

Nach einer ärztlichen Untersuchung wurde bei Simak ein Erschöpfungssyndrom festgestellt und der Spieler auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben. Zum Saisonende löste er seinen Vertrag bei Bayer Leverkusen auf und fing bei Sparta Prag einen neuen Abschnitt in seiner Karriere an. Gut war es aber noch längst nicht. 24 Einsätze in drei Spielzeiten zeugen von vielen Problemen auch abseits des Platzes. Auf Anraten des Klub-Präsidenten unterzog sich Simak einer Entzugskur. Aber zumindest der Versuch, Normalität zu erreichen, war da. Davon zeugte auch der Wechsel zu Carl Zeiss Jena im Sommer 2007. Simak war jetzt fast 29, er wollte es noch einmal wissen. Er unterschrieb einen Zweijahresvertrag und spielte regelmäßig und vor allem gut. Sieben Tore und acht Vorlagen lockten Begehrlichkeiten aus der Bundesliga, trotz eines Leistenbruchs zum Saisonende. Dabei musste er einige Provokationen aushalten: Gästefans verhöhnten ihn, Gegenspieler beleidigten ihn als „Alkoholiker“ auf dem Platz. Aber Simak riss sich zusammen – fast immer: Jena stand 2008 vollkommen überraschend im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Borussia Dortmund. Kurz nach der Pause lag der Außenseiter nur 0:1 zurück, als Simak in der 51. Minute Gelb wegen Meckerns erhielt, weitermeckerte und direkt mit Gelb/Rot vom Platz flog.

Armin Veh holte Simak zum VfB Stuttgart, dort spielte er 20 Mal in der Saison 2008/09, in der Folgesaison bekam er aber kaum noch Einsätze. Im Januar 2010 heuerte er bei Mainz 05 an, gab sein Debüt gegen Hannover 96. Durchsetzen konnte er sich jedoch auch bei den Mainzern nicht. Als die „Bruchweg-Boys“ in der Saison 2010/11 durchstarteten und am Ende Tabellenfünfter wurden, saß Simak nur auf der Tribüne.

Zurück nach Jena, zurück nach Tschechien

Mit nun 33 lockte die Ruhe Jenas wieder, dort hatte er sich wohlgefühlt. Carl Zeiss spielte mittlerweile in der 3. Liga, aber Simak hängte sich rein. Acht Tore und sieben Vorlagen steuerte er bei, am Ende stieg Jena trotzdem in die Regionalliga ab. Da wollte Simak aber nicht spielen, er kehrte zurück in sein Heimatland und spielt seitdem in der zweiten tschechischen Liga. Zuerst bei Taborsko, läuft er seit diesem Sommer mit frischen 37 Lenzen für einen Klub seiner Jugend auf: České Budějovice. Und dort zeigt er, dass er durchaus wieder Lust hat, Fußball zu spielen.

Es ist einfach sehr schade, dass ihm dies während seiner Glanzzeit nicht vergönnt war. Gerade nach seiner Rückkehr zu 96 wäre mit ihm so viel möglich gewesen. Dabei stand er sich aber allzu oft selbst im Weg. Ein drittes Mal Simak bei 96 gab es aber dennoch: Im August 2014 lud Steven Cherundolo zum Abschiedsspiel. Natürlich stand da auch Jan Simak wieder auf dem Platz und half mit, „Dolo“ gebührend zu verabschieden.

Eine echte #h96legende.

Noch jemand?

Natürlich, ein echter Hannoveraner: Fabian Montabell. Fabian wer? Der Junge hat die Jugendabteilungen des Vereins durchlaufen, konnte als Stürmer aber nie Fuß in der Profimannschaft fassen. Es reichte in seiner Zeit zu sechs Kurzeinsätzen in vier verschiedenen Saisons über insgesamt 36 Minuten. Nach mehreren Stationen bei unterklassigen Vereinen ist Montabell mittlerweile in der fünften Liga namens Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar bei der TuS Koblenz angelangt und mimt dort den 30-jährigen Edeljoker.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)
Türchen #5 – Abel Xavier (5 Spiele, 0 Tore)