Türchen #6

Nikolaus ist ja immer ein besonderer Anlass, in vielen Haushalten stehen heute Stiefel voller Süßigkeiten vor der Tür. Ich nutze diesen Tag, um auf einen der ernsthaft talentiertesten Spieler zu blicken, der jedem Fan ein Begriff ist und zu dem jeder Bewohner der Stadt Hannover eine eigene Anekdote zu erzählen hat. Ein prall gefüllter Fußballstiefel, quasi.

Türchen #6: Jan Simak

Der 37-Jährige hat vermutlich die größte Differenz zwischen Talent und Ertrag in diesem Kalender vorzuweisen. Geboren in Tabor, einer Kleinstadt südlich von Prag, verlebte er dort seine Jugend bei Vereinen des Orts und bei České Budějovice. Mit 18 Jahren ging es zu Chmel Blšany, einem kleinen Verein im Westen Tschechiens. Zunächst spielte Simak dort in der 2. Liga, 1998 kam der Aufstieg. Im kommenden Jahr stand ein 17-jähriges Torwarttalent zwischen den Pfosten, ein gewisser Petr Cech.

Erstes Mal bei Hannover

Im Jahr 2000 kam der Wechsel nach Hannover, für 250.000 Euro holte sich 96 den 22-jährigen Simak. Zwar war seine Reputation eine voller rauschender Feiern und einer eher laxen Auslegung der Trainingsbeteiligung, aber auf dem Platz agierte er wie ein Weltklassespieler. Nachdem es in der Debütsaison zu neun Toren reichte, wurde in der Aufstiegssaison 01/02 noch einmal deutlich nachgelegt. 18 Tore und 19 Vorlagen beschreiben ganz gut, warum er sich in die Herzen der Fans spielte. Probleme abseits des Platzes wurden zwar adressiert, aber nicht konsequent unterbunden. Man gewährte Simak seine Freiheiten.

Ballack-Nachfolger

Bayer Leverkusen hatte sich vorgenommen, das Talent zu einem Topstar zu schmieden. Klaus Toppmöller wollte Simak formen, ihn zum Ballack-Nachfolger machen. Dieser war nach den drei zweiten Plätzen 2002 und dem verpassten WM-Finale zum FC Bayern gegangen. Simak spielte zu Saisonbeginn regelmäßig, allerdings nicht auf seiner gewohnten zentralen Mittelfeldposition, sondern auf dem linken Flügel. Trotzdem erwischte er einen Auftakt nach Maß: Gegen Cottbus und Bochum traf er am 1. und 3. Spieltag, wie man ihn kennt durch knallharte Schüsse mit seinem linken Schlappen. Danach wurden seine Einsatzzeiten jedoch weniger. Im Hintergrund hatte Leverkusen viel mit seinen Feiern und seinem Alkoholproblem zu tun. In der Rückrunde besuchte Bayer Hannover 96 am 22. Spieltag, Simak durfte mal wieder in der Startelf stehen. Das lag vor allem daran, dass Trainer Toppmöller entlassen worden war und sein Nachfolger Thomas Hörster sehen wollte, „auf wen er sich verlassen kann“. Klar, dass Jan Simak gegen seinen Ex-Klub in der 91. Minute den 2:1-Siegtreffer markierte.

Das zweite Mal 96

Das war sein letztes gutes Spiel für Leverkusen, danach kamen nur noch wenige Kurzeinsätze. Im Sommer 2003 präsentierte Hannover 96 die Rückkehr des verlorenen Sohns, der Rekordtransfer wurde vom Ligakonkurrenten ausgeliehen. Gegen den HSV dauerte es nur elf Minuten, bis sein erster Assist zu verzeichnen war und Jiri Stajner das 1:0 erzielte. Simak wirkte wie befreit und machte in den nächsten Spielen auch genauso weiter. Gegen Hansa Rostock netzte er am 4. Spieltag zum ersten Mal, im folgenden Spiel gegen die Hertha markierte er mit einem starken Drehschuss seinen zweiten Treffer.

Aber dann… Nach dem 2:0-Sieg gegen Mönchengladbach tauchte Simak ab. Er fuhr nach Tschechien, meldete sich nicht ab, galt als verschollen. In Hannover setzten sich die verschiedenen Verantwortlichen zusammen: Berater, Trainer, Manager von 96 und Bayer, alle versuchten, eine Lösung für das Problem zu finden. Simak redete derweil mit seinem Berater. Er könne nicht mehr, brauche eine Pause. Sein Kopf mache einfach nicht mehr mit. Berater Christoph Leutrum berichtete von depressiven Schüben, Sportdirektor Ricardo Moar offenbarte Ahnungslosigkeit, als er erwiderte, Simak habe gar keine Depressionen haben können, er habe doch jeden Tag Witze gemacht. Für Simak stand jedoch fest: Mehr als diese sechs Erstligapartien für Hannover 96 könne er nicht leisten.

Neuanfang in Prag

Nach einer ärztlichen Untersuchung wurde bei Simak ein Erschöpfungssyndrom festgestellt und der Spieler auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben. Zum Saisonende löste er seinen Vertrag bei Bayer Leverkusen auf und fing bei Sparta Prag einen neuen Abschnitt in seiner Karriere an. Gut war es aber noch längst nicht. 24 Einsätze in drei Spielzeiten zeugen von vielen Problemen auch abseits des Platzes. Auf Anraten des Klub-Präsidenten unterzog sich Simak einer Entzugskur. Aber zumindest der Versuch, Normalität zu erreichen, war da. Davon zeugte auch der Wechsel zu Carl Zeiss Jena im Sommer 2007. Simak war jetzt fast 29, er wollte es noch einmal wissen. Er unterschrieb einen Zweijahresvertrag und spielte regelmäßig und vor allem gut. Sieben Tore und acht Vorlagen lockten Begehrlichkeiten aus der Bundesliga, trotz eines Leistenbruchs zum Saisonende. Dabei musste er einige Provokationen aushalten: Gästefans verhöhnten ihn, Gegenspieler beleidigten ihn als „Alkoholiker“ auf dem Platz. Aber Simak riss sich zusammen – fast immer: Jena stand 2008 vollkommen überraschend im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Borussia Dortmund. Kurz nach der Pause lag der Außenseiter nur 0:1 zurück, als Simak in der 51. Minute Gelb wegen Meckerns erhielt, weitermeckerte und direkt mit Gelb/Rot vom Platz flog.

Armin Veh holte Simak zum VfB Stuttgart, dort spielte er 20 Mal in der Saison 2008/09, in der Folgesaison bekam er aber kaum noch Einsätze. Im Januar 2010 heuerte er bei Mainz 05 an, gab sein Debüt gegen Hannover 96. Durchsetzen konnte er sich jedoch auch bei den Mainzern nicht. Als die „Bruchweg-Boys“ in der Saison 2010/11 durchstarteten und am Ende Tabellenfünfter wurden, saß Simak nur auf der Tribüne.

Zurück nach Jena, zurück nach Tschechien

Mit nun 33 lockte die Ruhe Jenas wieder, dort hatte er sich wohlgefühlt. Carl Zeiss spielte mittlerweile in der 3. Liga, aber Simak hängte sich rein. Acht Tore und sieben Vorlagen steuerte er bei, am Ende stieg Jena trotzdem in die Regionalliga ab. Da wollte Simak aber nicht spielen, er kehrte zurück in sein Heimatland und spielt seitdem in der zweiten tschechischen Liga. Zuerst bei Taborsko, läuft er seit diesem Sommer mit frischen 37 Lenzen für einen Klub seiner Jugend auf: České Budějovice. Und dort zeigt er, dass er durchaus wieder Lust hat, Fußball zu spielen.

Es ist einfach sehr schade, dass ihm dies während seiner Glanzzeit nicht vergönnt war. Gerade nach seiner Rückkehr zu 96 wäre mit ihm so viel möglich gewesen. Dabei stand er sich aber allzu oft selbst im Weg. Ein drittes Mal Simak bei 96 gab es aber dennoch: Im August 2014 lud Steven Cherundolo zum Abschiedsspiel. Natürlich stand da auch Jan Simak wieder auf dem Platz und half mit, „Dolo“ gebührend zu verabschieden.

Eine echte #h96legende.

Noch jemand?

Natürlich, ein echter Hannoveraner: Fabian Montabell. Fabian wer? Der Junge hat die Jugendabteilungen des Vereins durchlaufen, konnte als Stürmer aber nie Fuß in der Profimannschaft fassen. Es reichte in seiner Zeit zu sechs Kurzeinsätzen in vier verschiedenen Saisons über insgesamt 36 Minuten. Nach mehreren Stationen bei unterklassigen Vereinen ist Montabell mittlerweile in der fünften Liga namens Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar bei der TuS Koblenz angelangt und mimt dort den 30-jährigen Edeljoker.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)
Türchen #5 – Abel Xavier (5 Spiele, 0 Tore)

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Türchen #4

Spieltag. Am 4.12. spielt Hannover 96 bei Schalke 04. Und wie es der Zufall so will, steht Schalke im Fokus des nächsten 96-Spielers…

Türchen #4: Adrian Nikci

Es war Sonntag, der 26. August 2012, kurz nach 19 Uhr. Im Niedersachsenstadion stand am 1. Spieltag der Saison 2012/13 der 23-jährige Adrian Nikci an der Seitenlinie. Trainer Mirko Slomka nahm seinen letzten Wechsel vor, sein letzter Trumpf. Nach einem guten Start in das Spiel – Neuzugang Felipe hatte die Führung erzielt – hatte der Gast aus Gelsenkirchen in der zweiten Halbzeit durch Huntelaar und Holtby das Spiel gedreht. Direkt im Anschluss waren Sobiech und Huszti für die Belebung der Offensive in die Partie gekommen, jetzt in der 77. Minute stand der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln bereit, dem Spiel die erneute Wendung zu geben.

Er klatschte mit dem Torschützen Felipe ab und betrat das Feld. Knapp drei Minuten später feierte Nikci vor der Nordkurve den Ausgleich. Seinen Ausgleich. Was für ein Start in die Bundesligazeit bei 96. Jan Schlaudraff hatte sich auf der Außenbahn durchgetankt, auf der Grundlinie den Ball flach und scharf in den Strafraum gespielt und der Joker aus der Schweiz stach sofort. Der Punkt war zurückerobert und konnte bis zum Spielende gehalten werden.

Seine ersten Minuten für 96 waren das aber nicht: Nur ein paar Tage zuvor war das Europa-League-Playoff-Hinspiel gegen Slask Wroclaw gespielt worden, ein komplett beklopptes 5:3 in Polen, welches die Weichen für die erneute Gruppenphase in der Europa League gestellt hatte, aber dank zahlreicher defensiver Schnitzer genug Fragezeichen offen ließ. Nikci hatte nach dem fünften Treffer Spielminuten zum Vertrödeln bekommen.

Der Weg für eine legendäre Zeit bei Hannover 96 war auf jeden Fall geebnet, am 2. Spieltag in Wolfsburg – Szabis Vier-Vorlagen-Gala – durfte er eine Viertelstunde mitwirken, am 4. Spieltag in Hoffenheim stand er sogar in der Startelf, wurde erst nach dem 1:2 kurz vor Schluss ausgewechselt. Alles hätte gut sein können…

Beginn der Leidenszeit

Dann erkrankte Nikci Ende September an Meningitis. Zwei Wochen lag der Schweizer im Krankenhaus, bis er von den Ärzten das Okay bekam, wieder nach Hause zurückzukehren. Er begann von da an wieder von null. Er kämpfte sich aber wieder heran, im November wurde Nikci im Spiel bei Bayern München – am 13. Spieltag – als Comebacker eingewechselt, als es bereits 0:5 stand. Nach seiner Zeit bei 96 beklagte Nikci sich, er sein von den Vereinsärzten dazu gedrängt worden, schnell wieder fit zu werden. Ein Vorgehen, welches ihm andere Ärzte im Nachhinein als gefährlich bescheinigt hatten.

In der Gruppenphase der Europa League durfte er ebenfalls noch zweimal als Joker mitmachen, um die „Roten“ in die Zwischenrunde zu führen, das letzte Spiel für 96 machte er im Dezember 2012 beim 2:2 gegen UD Levante, als er für den verletzten Lars Stindl einspringen musste.

Es folgten weitere Verletzungen und Rückschläge. In der Rückrunde schaffte er es ein paar Mal auf die Ersatzbank, aber mehr als Warmlaufen durfte er sich nicht. Auch in der kommenden Saison 13/14 wurde es nicht besser. Statt als Kaderspieler zu versauern, durfte er zumindest bei der zweiten Mannschaft aushelfen. Dass sich die Wege trennen würden, war aber klar. Im Januar 2014 wurde er an den FC Thun verliehen, zurück in die Schweizer Heimat.

Adoptierte Schweizer Heimat

Geboren in Sarajevo, war Nikci in seiner Kindheit in den frühen 90ern durch die Kriege auf dem Balkan in die Schweiz gekommen. In seiner Jugend schloss er sich dem FC Zürich an und durchlief alle Altersstufen, bis er 18 Jahren sein Ligadebüt gab. In den folgenden Jahren wurde er Stammspieler in Zürich und spielte Champions League gegen Bayern, Milan und Marseille und hatte sich so bereits viel Erfahrung erarbeitet, bevor er mit Anfang 20 Richtung Deutschland aufbrach.

Bei Thun spielte er nun wieder regelmäßig und traf in 16 Ligaspielen dreimal, das reichte am Saisonende zu Platz 6. In Hannover stand seit der Winterpause Tayfun Korkut an der Seitenlinie, aber auch bei diesem Trainer war klar, dass Nikci weiter bei anderen Vereinen spielen würde. Sein Vertrag lief noch ein weiteres Jahr, deswegen wurde er wieder verliehen, dieses Mal für zunächst ein halbes Jahr zu den Young Boys aus Bern, eine größere Hausnummer als noch Thun. Bei den Young Boys spielte Nikci vor allem als Joker in der Liga und in der Europa League. Damit war er der letzte 96-Spieler, der international spielte, während er offiziell noch Spieler bei Hannover war. Gegen Slovan Bratislava wiederholte er seine gegen Schalke präsentierten Joker-Qualitäten, als er eine Minute nach seiner Einwechslung am ersten Gruppenspieltag zum 4:0 traf.

Nächster Halt: Liga 2

Durch die Formalitäten ist es so, dass ein Spieler nicht bis zu seinem Vertragsende verliehen werden darf, Nikci kehrte also mit nun 25 Jahren zurück nach Hannover. Theoretisch hätte Nikci jetzt eine Halbserie auf der Tribüne im Niedersachsenstadion verbringen können. Er entschied sich aber dafür, den Vertrag aufzulösen.

Zurück in die Schweiz ging es aber nicht: so dringend wollte in Young Boys nun auch nicht haben. Stattdessen ging der Blick Nikcis Richtung Franken, er heuerte beim „Glubb“ in Nürnberg an. Hier traten aber wieder seine auch schon vorher bekannten Probleme mit Adduktoren und Leisten auf, es reichte insgesamt nur für fünf Kurzeinsätze für die Nürnberger.

Im Sommer 2015 ging es schon wieder weiter: Beim FC Union trainierte Norbert Düwel, ein ehemaliger Co-Trainer von Mirko Slomka, unter dem Nikci ja seine erfolgreichste Zeit verbracht hatte. Ohne viel Risiko zu gehen, verpflichtete Union den Schweizer. Besser lief es für ihn dort aber auch nicht. Bislang stehen ganze zwei Minuten Einsatzzeit gegen 1860 München am 4. Spieltag auf der Uhr. Seitdem hat es entweder leistungs- oder leistentechnisch nicht gereicht. Momentan fällt er zunächst einmal bis zum Ende der Hinrunde aus. Es wird aber auch gemunkelt, dass seine Profikarriere schon bald beendet sein könnte, weil er einfach nicht mehr fit werde. Zu wünschen wäre ihm, dass ihm noch ein Comeback gelänge. Im Zweifel ein Einsatz ab der 77. Minute, der nur wenige Minuten später torjubelnd abdrehend gefeiert wird.

Wie eine echte #h96legende.

Noch jemand?

Zu all jenen, die mal transferiert wurden, um einen internationalen Lauf zu ermöglichen, kommen ja auch solche Spieler, die heldenhaft mit der Mannschaft aufgestiegen sind, danach jedoch in der ersten Liga keinen Fuß fassen konnten. Ein erstes Beispiel dafür ist Conor Casey, der 2001 von Borussia Dortmund als Sturmtalent aus den USA geholt wurde. Hannover 96 lieh den US-Boy aus und er half mit sieben Tore in 19 Spielen zum Aufstieg in die Bundesliga mit. Dort waren seine Einsatzminuten dann sehr limitiert, jedoch war sein letztes Spiel für Hannover sein wichtigstes: Am 34. Spieltag wurde Casey eine Viertelstunde vor Schluss eingewechselt und köpfte zehn Minuten später zum 1:0-Siegtreffer ein, der Hannovers Saison auf Platz 11 beenden ließ und Bielefelds sofortigen Wiederabstieg besiegelte. Nach Aufenthalten bei Karlsruhe und Mainz ging Casey wieder in die MLS, nach Toronto FC und den Colorado Rapids spielt Casey mit 34 jetzt bei Philadelphia Union.

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)