Türchen #8

Eine der tragischsten Geschichten verbirgt sich hinter dem heutigen Türchen. Ein Portugiese, der international bei 96 spielen wollte und dann doch nur zwei Jahre lang Reha-Training machte, bevor es zurück in die Heimat ging. Eine Geschichte rund um ein kaputtes Knie und ein Happy End bei einem früheren Klub.

Türchen #8: Carlitos

21. August 2010, 15:30. Die Mannschaft von Hannover 96 steht vor dem Anstoß gegen Eintracht Frankfurt gehörig unter Druck. Die letzte Saison wurde am letzten Spieltag in Bochum gerettet, die Vorbereitung war so lala, dann ging in der vorigen Woche auch noch der Saisonauftakt im DFB-Pokal komplett in die Hose, als man in Elversberg im Elfmeterschießen scheiterte. Trainer Mirko Slomka ist leicht angezählt. Dann rollt der Ball.

Knapp eine Minute später muss Schiedsrichter Deniz Aytekin das Spiel unterbrechen. Carlitos liegt am Boden, dass Gesicht schmerzverzerrt und voller Enttäuschung. Im ersten Duell hat er sich ohne Gegnereinwirkung das Knie verdreht, die Diagnose Kreuzbandriss folgt schnell. Unter Tränen wird der Portugiese vom Platz getragen. Die Hinrunde ist für ihn beendet.

Der Weg zu 96

Carlos Alberto Alves Garcia wurde am 6. September 1982 in Lissabon geboren. Seine Jugend verbrachte er aber nicht bei einem der ortsansässigen Schwergewichte wie Sporting oder Benfica, sondern in Amora, einer Kleinstadt auf der gegenüberliegenden Seite der Tajo-Mündung, etwas südlich von Lissabon. Dort reifte er heran und spielte zunächst einmal bei diesem kleinen Amateurverein, bis GB Estoril auf den 19-Jährigen aufmerksam wurde. Im Jahr 2002 war Estoril noch ein kleiner Drittligist von der Atlantikküste im Speckgürtel Lissabons. Dort schaffte er nicht nur den Durchbruch, sondern half dem Verein zum Durchmarsch in die erste Liga. Zu dem Zeitpunkt war Benfica auf den Jungen aufmerksam geworden. Für 500.000 Euro wurde er verpflichtet, konnte sich aber nicht in die erste oder zweite Reihe spielen, es reichte nur für wenige Kurzeinsätze.

Im Januar 2006 wurde ihm Spielpraxis gewährt und er wurde zum Ligakonkurrenten Vitória Setúbal, für den er in 15 Rückrundenspielen vier Treffer beisteuerte. Um noch mehr Spielpraxis zu bekommen, meldete sich im Sommer der Schweizer Aufsteiger FC Sion. In der Saison 06/07 erzielte Carlitos neun Tore in 27 Spielen und fand sich mit dem Aufsteiger zum Saisonende plötzlich auf dem 3. Tabellenplatz endete. Da guckte der Primus FC Basel verblüfft, der diese Saison Zweiter geworden war und sprach bei Benfica vor und verpflichtete den 24-jährigen Portugiesen.

Mit dem FC Basel wurde Carlitos 2008 und 2010 Doublesieger. Er staubte Meisterschaft und Pokal ab. Dabei war er Stammspieler, schoss in der Liga in den drei Spielzeiten elf Tore und legte 24 weitere auf. Mit Basel spielte er Champions League und Europa League in Barcelona, Rom und Hamburg. Nach diesen drei Jahren sollte Carlitos von Basel aber keinen neuen Vertrag mehr erhalten. 96-Manager Jörg Schmadtke sah die Chance und griff zu. Carlitos war selbstbewusst: „Mit mir bekommt die Liga einen weiteren guten Spieler hinzu.“

Auf dem Weg zum Comeback

Nach der Diagnose Kreuzbandriss begann für den nun 28-Jährigen eine lange Zeit der Rehabilitation und dem Herantasten an den Profi-Kader. Er war erst relativ spät zur Mannschaft gestoßen, hatte das Pokalspiel in Elversberg durchgespielt, aber richtig ins Team hinein hatte er sich noch nicht gespielt.

Sein Comeback kam am 26. Spieltag am Freitagabendspiel beim 1. FC Köln. Carlitos rutschte kurzfristig ins Team, weil Sergio da Silva Pinto eine Mandelentzündung hatte. Das Spiel ging 0:4 verloren, Carlitos musste nach einer knappen Stunde Moritz Stoppelkamp Platz machen. Bis zum 31. Spieltag gab es noch vier weitere Kurzeinsätze für den Portugiesen, bis ihn Knieprobleme erneut stoppten. Er ließ sich im Sommer 2011 in Lissabon erneut operieren, stand aber nicht wie geplant zum Trainingsauftakt wieder auf dem Platz. Die Reha war langwierig und im Januar 2012, als er im Wintertrainingslager wieder angreifen wollte, musste er direkt wieder abreisen, weil eine Zyste im Knie diagnostiziert worden war. Sein Vertrag lief im Sommer aus und es war klar, dass er bei 96 keine Zukunft haben würde. Zumindest wurden ihm am 32. und 33. Spieltag noch zwei Kurzeinsätze gegen Freiburg und Leverkusen für die Bundesligaspiele sieben und acht in seiner Karriere gewährt.

Zurück zu alten Vereinen

Ablösefrei ging es zu Estoril, dem Verein, mit dem er in die 1. Portugiesische Liga aufgestiegen war, aber nie für sie dort gespielt hatte. Nun war Estoril erneut aufgestiegen und Carlitos konnte mit nun 30 Jahren zumindest wieder Fuß fassen und spielte regelmäßig, wenn auch nicht immer für 90 Minuten. 2013 qualifizierte sich der Aufsteiger für die Europa League und schaffte auch die beiden Qualifikationsrunden für die Gruppenphase, nur um hinter dem FC Sevilla, Slovan Liberec und dem SC Freiburg Tabellenletzter zu werden. Trotzdem sollte es für den Portugiesen nicht der Karriereausklang sein.

Der FC Sion meldete sich in Portugal: Zu gut war Carlitos den Schweizern in Erinnerung geblieben, als er den Aufsteiger in den europäischen Wettbewerb schoss. Im Sommer 2014 wechselte Carlitos wieder ins Wallis und drehte dort trotz seines Alters noch einmal richtig auf. Zwar lief es in der vergangenen Saison nicht großartig und man beendete die Saison auf Platz 7, aber Carlitos steuerte fünf Tore und zehn Vorlagen bei. Und im Pokalfinale 2015 gegen den Ex-Klub FC Basel machte er im Mai das Spiel seines Lebens: Nicht nur, dass er das 1:0 und das 2:0 fein vorbereitete, er erzielte auch noch das 3:0 per Kopf zum Endstand.

Endspiel am Donnerstag

In dieser Saison steht man momentan wieder im Tabellenmittelfeld – aber am Donnerstag steht ein echtes Highlight in der Europa League an. Der FC Sion steht auf dem 2. Platz, drei Punkte vor Rubin Kasan, hat aber den direkten Vergleich verloren. Ein Punkt reicht also für die Zwischenrunde, dieser muss aber ausgerechnet gegen den Tabellenführer FC Liverpool geholt werden. Das Hinspiel an der Anfield Road endete 1:1, das würde auch übermorgen reichen. Schlägt Sion Liverpool, ist man gar Tabellenführer. Ich würde es Carlitos so sehr gönnen, dass er mit 33 Jahren den Siegtreffer im Stade de Tourbillon gegen die „Reds“ erzielt.

Eine echte #h96legende.

 

Noch jemand?

Wieder einmal gibt es zwei Jungs, die in dieser Rubrik auftauchen. Der erste ist Salvatore „Sal“ Zizzo, der allererste „neue Cherundolo“. 2007 von einem amerikanischen College geholt, Hauptsächlich in der zweiten Mannschaft aktiv, reichte es zwischen 2007 und 2009 für achte Ligaspiele, zum Ende seiner Zeit machte dem Außenspieler, mal rechts vorne, mal rechts hinten, ein Außenbandriss im Knie das Leben schwer. 2010 ging er zurück in die USA und spielte bei verschiedenen Teams in der MLS. Diese Saison schaffte er – mittlerweile 28 – mit den New York Red Bulls als Stammspieler in der rechten Verteidigung den Einzug in das Playoff-Halbfinale, scheiterte dort aber an Columbus Crew.

Der andere Spieler ist Arouna Koné, mittlerweile 32 und beim FC Everton. Ein weiterer Stürmer, der im Januar 2010 geholt wurde, um den Abstieg zu vermeiden. Nach Treffern gegen Hoffenheim und Dortmund ging nach acht Spielen auch sein Knie kaputt und er kehrte nach Sevilla zurück, als seine Leihe endete. Der Ivorer war über Roda und PSV für viel Geld zu Sevilla gewechselt, nach der 96-Leihe ging es für ihn noch zu weiteren spanischen Klubs, bevor Roberto Martinez den Stürmer nach England zu Wigan Athletic holte. 2013 wechselte er schließlich zum FC Everton.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)
Türchen #5 – Abel Xavier (5 Spiele, 0 Tore)
Türchen #6 – Jan Simak (6 Spiele, 2 Tore)
Türchen #7 – Gunnar Heidur Thorvaldsson (7 Spiele, 0 Tore)

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Türchen #5

Fußballer lassen sich ja generell in verschiedene Kategorien einteilen: Da gibt es die Vereinstreuen, die ein Leben lang von der F-Jugend bis zu den Altherren beim selben Verein spielen, jeden Mitarbeiter und deren Familien kennen und immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Fans „seines“ Vereins haben. Dann gibt es die Karrieristen, die zwar durchaus loyal sind, sich aber bei einem Angebot eines besseren Vereins verabschieden, aber nicht müde werden zu betonen, wie toll die Zeit bei dem vorherigen Verein doch war. Dann kommen die Söldner, das ultimative Feindbild eines jeden Fans, der am Stammtisch ernst genommen werden will. Das sind die Spieler, die nach wenigen Spielen nur das große Geld sehen und immer nur Kohle, Kohle, Kohle scheffeln wollen, ob beim Heimverein oder dem Erzrivalen.

Und dann gibt es noch die Wandervögel. Solche Typen, die über das Stadium des Söldners hinaus gewachsen sind. Deren Karrierepfad als Kneipenquiz dient, deren Art und Eigenheiten kultig geworden sind.

Einer der berühmtesten Wandervögel des 21. Jahrhunderts machte auch in Hannover halt.

Türchen #5: Abel Xavier

Um seine Herkunft ranken sich Mythen. Okay, das ist leicht übertrieben. Abel Luís da Silva Costa Xavier wurde in Mosambik geboren und zog als Kind mit seiner Familie nach Portugal. Dort lernte er das Fußball spielen und vor allem das Verteidigen. Man kann aber durchaus sagen, dass ihm das Wandern im Blut lag. War es zunächst nur der Umzug von der Ex-Kolonie auf das europäische Festland, führte sein Weg danach durch fast alle Profiligen Europas.

Zunächst wurde er zu einem waschechten Verteidiger ausgebildet, zunächst bei Estrela Amadora, einem Verein, der mittlerweile nur noch portugiesischer Drittligist ist. Mit 21 meldete sich der große Nachbar aus Lissabon, Benfica. Xavier wurde Nationalspieler und wurde mit Benfica 1994 portugiesischer Meister. 1995 ging es nach Italien, zum FC Bari. Dort machte er nur acht Spiele und der Verein stieg zum Saisonende ab. Xavier wandte den Blick zurück Richtung Westen und fand Real Oviedo in der spanischen ersten Liga. Dort war er zwei Jahre lang Stammkraft in der Innenverteidigung und schaffte es in beiden Spielzeiten, gerade so den Abstieg des Traditionsvereins zu verhindern.

Niederlande, England, Türkei

Im Sommer 1998 meldete sich PSV Eindhoven und verpflichtete den mittlerweile gestandenen 25-jährigen Portugiesen. Mit den Niederländern spielte er Champions League und wurde Tabellendritter. Während der Saison fiel er allerdings mit Knieverletzungen viele Wochen aus. Das hielt den FC Everton aber nicht davon ab, ihm ein Vertragsangebot zu unterbreiten und ihn auf die Insel zu holen. Dort verbrachte er zweieinhalb Spielzeiten – fast schon ein Rekord – machte in der Zeit aber wegen verschiedener Verletzungen nur knapp über 40 Spiele. Im Winter 2002 meldete sich trotzdem Evertons großer Bruder, der Nachbar von der Anfield Road. Der FC Liverpool war wohl auf die spektakulären Frisuren aufmerksam geworden und wollte sein Profil schärfen. So machte Abel Xavier die paar Meter quer durch die Stadt und wurde ein „Red“. Zwar konnte er in der Rückrunde in der Zwischenrunde der Champions League etwas aushelfen und auch in der Liga etwas zum zweiten Tabellenplatz beitragen, allerdings spielte er in der nächsten Saison überhaupt keine Rolle mehr und trug seine Frisuren nur noch auf der Tribüne zur Schau.

Im Januar 2003 wurde er für sechs Monate an Galatasaray ausgeliehen, dort machte er immerhin elf Spiele. Er verbrachte ein weiteres halbes Jahr auf der Tribüne an der Anfield Road, bevor der Ruf erklang, der sein Leben verändern sollte…

„Hat der Typ geile Haare!“ – @follix

Ricardo Moar ist ja eine der Lichtgestalten, die es bei Hannover 96 zum Posten des Sportdirektoren geschafft haben. Und dieser sah in der Winterpause der Saison 2003/04 seine Chance, einen echten Weltstar zu angeln. Einen Nationalspieler vom FC Liverpool, was konnte da nur schief gehen? Hannover stand im gesicherten Mittelfeld auf Platz 11, Trainer Ralf Rangnick wird sich wie Bolle über diese Verpflichtung gefreut haben.

Am 20. Spieltag durfte Xavier das erste Mal auflaufen, seine weiteren Spiele für Hannover geschahen an den Spieltagen 21, 22, 23 und 34. Ich habe mal die „kicker“-Noten konsultiert: 5; 5; 6; 5,5; 4,5. Das macht einen Notenschnitt von 5,2. Das ist nur so mittel. In den Spielberichten zu den Spielen lassen sich wenige positive Aspekte finden. Er war schlichtweg überfordert. Dafür schillerte seine Frisur schöner denn eh und je.

Italien, England, USA

Die Zeit bei Hannover war also wirklich keine erfolgreiche. Kein Wunder, dass er nach dem Abstecher an der Leine zunächst einmal vereinslos war, bevor im Januar 2005 der AS Rom zugriff und Xavier in seine Dienste stellte. Spielen tat er aber kaum und im Sommer 2005 war er schon wieder weg. Zurück nach England, wo er ja in der Liverpooler Gegend schon seine größten Erfolge gefeiert hatte. Es sollte alles wieder gut werden, aber es wurde nur noch schlimmer. Nach der 1. Runde des UEFA-Cups gegen Skoda Xanthi wurde er beim Dopingtest auf ein anaboles Steroid positiv getestet und für ein Jahr gesperrt. Im November 2006 durfte er wieder anfangen zu spielen und machte noch bis zum Saisonende ein paar Partien, bevor er im Sommer 2007 in die USA wechselte und dort bei Los Angeles Galaxy seine lange Karriere mit 35 beendete.

Mittlerweile ist Abel Xavier zum Islam konvertiert, nennt sich Faisal Xavier und widmet sich nach eigenen Angaben jetzt humanitären Aufgaben. Zaghafte Bemühungen, in der Welt des Coachings Fuß zu fassen, ließ er schnell wieder bleiben.

Eine echte #h96legende.

Noch jemand?

Neben Abel Xavier soll hier noch auf Außenverteidigerlegende Joao Pereira hingewiesen werden, der es in der vergangenen Rückrunde ebenfalls auf fünf Einsätze brachte und dabei sogar einen Platzverweis kassierte. Ansonsten bleibt von Pereira nur in Erinnerung, dass er nach dem Rauswurf von Korkut cool seine neuen Treter bei Instagram postete. Pereira spielt aktuell wieder bei Sporting in Portugal.

Auch Deniz Kadah soll nicht vergessen werden. Der mittlerweile 29-Jährige war Hannover-II-Spieler, bis Mirko Slomka ihn in der Rückrunde 2013/14 in den Profikader berief. Dort reichte es für fünf Kurzeinsätze ohne Torerfolg. Im Sommer 2014 wechselte er in die Türkei zu Rizespor und hat dort in der laufenden Saison fünf Tore in 12 Ligaspielen erzielt.

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)