Türchen #13

Was nach dem Grottenkick am Samstag gegen Hoffenheim besonders offensichtlich war, war das Fehlen eines Knipsers. Nun hatte 96 nie wirklich Torjäger gehabt, aber zumindest einen gab es, der in 64 Spielen für Hannover 96 13-mal traf, um danach nur noch wegen seiner großen Schnauze Aufsehen zu erregen.

 

Türchen #13: Mohamadou Idrissou

Mit 20 Jahren kam Mohamadou Idrissou aus Kamerun in die Oberliga, als der FSV Frankfurt sich im Januar 2001 die Dienste des Stürmers sicherte. Seine erste Station in Deutschland war sehr erfolgreich, in der unterklassigen Liga machte er in der Rückrunde 15 Tore in 18 Spielen. Bereits im Sommer wechselte er eine Liga höher in die Regionalliga zum SV Wehen, wo er 13-mal knipste und so die Blicke des Bundesliga-Aufsteigers auf sich lenkte.

Um sich im Sturm zu verstärken, holte Ralf Rangnick Idrissou an die Leine und dort spielte dieser sich schnell in die Startelf. In der Saison 2002/03 erzielte er neun Tore, darunter einen lupenreinen Hattrick gegen den 1. FC Nürnberg in 15 Minuten beim 4:2-Sieg am 20. Spieltag. In der Folgesaison erzielte er vier Treffer, danach begann sein Standing aber zu bröckeln. Immer häufiger war er gar nicht mehr im Kader oder spielte nur für wenige Minuten, eine Leihe im Januar 2005 nach Frankreich zu Caen verlief auch nicht erfolgreich.

Im Januar 2006 sollte der permanente Wechsel zum MSV Duisburg stattfinden, es war alles vorbereitet. Bei Hannover hatte Idrissou einen Auflösungsvertrag unterschrieben, der neue Vertrag war auch so gut wie unterschrieben, jedoch fiel „Mo“ doch noch durch den Medizin-Check und war die komplette Rückrunde vereinslos. Im Sommer 2006 klappte der Wechsel nach Duisburg aber trotzdem noch, auch wenn der MSV gerade abgestiegen war. Nach nur einer Saison in der 2. Liga stieg man direkt wieder auf, Idrissou traf achtmal und legte 12 Tore auf. Auf seinen Ex-Klub Hannover traf er im Pokal-Achtelfinale, schied dort aber deutlich aus.

„Die ganze Nacht, von 12 bis 8!“

Nach dem Aufstieg war er aber weniger erfolgreich, traf keinmal und wechselte im Januar 2008 zurück in die 2. Liga zum SC Freiburg. Nach seiner ersten kompletten Saison im Breisgau verhalf er auch diesem Verein zum Aufstieg, als er erneut 13-mal traf. Zurück in der Bundesliga wurde er durch eine Trainingsäußerung bundesweit bekannt und zur Lachnummer: Jeder kennt die Geschichte, wie er den Freiburger Kollegen erklärte, auf solche Absteiger habe er keinen Bock, er würde eh bald Champions League spielen. So war nach dem geschafften Klassenerhalt der Abschied nach Mönchengladbach vorgezeichnet.

Mit den „Fohlen“ wurde es aber mal so gar nichts mit dem Angriff auf die Königsklasse, stattdessen kam das einzige Final-Erlebnis in der Relegation gegen den VfL Bochum, bei dem der Abstieg gerade noch so verhindert werden konnte. Die Freiburg-Fans hatten beim Besuch der Gladbacher ihre helle Freude. Man gewann 3:0 und konnte Idrissou mit dem neu gedichteten „PS3-Song“ so richtig einen reindrücken. Das Lied wurde sofort zum Klassiker, Idrissou blieb zur Halbzeit verletzt in der Kabine.

Immer wieder 2. Liga

Nach dem Nicht-Abstieg musste sich „Mo“ einen neuen Verein zum Champions League spielen suchen, bei Gladbach wollte man es ihm wohl nicht mehr zugestehen. In Frankfurt unterschrieb er bei der Eintracht und versuchte dort erneut, einen Zweitligisten in die Bundesliga zu schießen. Mittlerweile war Idrissou auch schon 30 Jahre alt und so bullig wie er immer noch war, die Schnelligkeit ließ langsam nach. Aber auch mit dem dritten Verein gelang ihm der Aufstieg: 14 Tore und sechs Vorlagen zeigen ganz genau sein Level: Er war ein sehr guter Zweitligastürmer.

Deswegen wechselte er 2012 auch zum Absteiger aus Kaiserslautern, schaffte es aber trotz 30 Treffern in zwei Spielzeiten nicht zurück in die 1. Liga, man scheiterte in der Relegation an der TSG Hoffenheim. Auch hier war er abseits des Rasens Gesprächsthema, ließ regelmäßig Macho-Sprüche raus und sorgte eher für Kopfschütteln als Erheiterung.

Rumgetingel

Nach dem Abenteuer 2. Liga entschloss sich Idrissou noch einmal ein paar exotischere Vereine anzuschauen. Über kurze Abstecher bei Maccabi Haifa in Israel und KF Shkëndija in Mazedonien landete er in der Oberliga Niederrhein beim KFC Uerdingen. Dort ist er mit mittlerweile 35 Jahren immer noch aktiv und spielt regelmäßig, hat in der Hinrunde sieben Treffer erzielt. Uerdingen steht auf dem 3. Platz und schielt mit einem Auge Richtung Regionalliga West.

Eine echte #h96legende.

 

Noch jemand?

Heute nicht.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)
Türchen #5 – Abel Xavier (5 Spiele, 0 Tore)
Türchen #6 – Jan Simak (6 Spiele, 2 Tore)
Türchen #7 – Gunnar Heidar Thorvaldsson (7 Spiele, 0 Tore)
Türchen #8 – Carlitos (8 Spiele, 0 Tore)
Türchen #9 – Erik Jendrisek (9 Spiele, 0 Tore)
Türchen #10 – Roman Wallner (10 Spiele, 0 Tore)
Türchen #11 – Jan Rosenthal (80 Spiele, 11 Tore)
Türchen #12 – Hanno Balitsch (150 Spiele, 12 Tore)

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Türchen #4

Spieltag. Am 4.12. spielt Hannover 96 bei Schalke 04. Und wie es der Zufall so will, steht Schalke im Fokus des nächsten 96-Spielers…

Türchen #4: Adrian Nikci

Es war Sonntag, der 26. August 2012, kurz nach 19 Uhr. Im Niedersachsenstadion stand am 1. Spieltag der Saison 2012/13 der 23-jährige Adrian Nikci an der Seitenlinie. Trainer Mirko Slomka nahm seinen letzten Wechsel vor, sein letzter Trumpf. Nach einem guten Start in das Spiel – Neuzugang Felipe hatte die Führung erzielt – hatte der Gast aus Gelsenkirchen in der zweiten Halbzeit durch Huntelaar und Holtby das Spiel gedreht. Direkt im Anschluss waren Sobiech und Huszti für die Belebung der Offensive in die Partie gekommen, jetzt in der 77. Minute stand der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln bereit, dem Spiel die erneute Wendung zu geben.

Er klatschte mit dem Torschützen Felipe ab und betrat das Feld. Knapp drei Minuten später feierte Nikci vor der Nordkurve den Ausgleich. Seinen Ausgleich. Was für ein Start in die Bundesligazeit bei 96. Jan Schlaudraff hatte sich auf der Außenbahn durchgetankt, auf der Grundlinie den Ball flach und scharf in den Strafraum gespielt und der Joker aus der Schweiz stach sofort. Der Punkt war zurückerobert und konnte bis zum Spielende gehalten werden.

Seine ersten Minuten für 96 waren das aber nicht: Nur ein paar Tage zuvor war das Europa-League-Playoff-Hinspiel gegen Slask Wroclaw gespielt worden, ein komplett beklopptes 5:3 in Polen, welches die Weichen für die erneute Gruppenphase in der Europa League gestellt hatte, aber dank zahlreicher defensiver Schnitzer genug Fragezeichen offen ließ. Nikci hatte nach dem fünften Treffer Spielminuten zum Vertrödeln bekommen.

Der Weg für eine legendäre Zeit bei Hannover 96 war auf jeden Fall geebnet, am 2. Spieltag in Wolfsburg – Szabis Vier-Vorlagen-Gala – durfte er eine Viertelstunde mitwirken, am 4. Spieltag in Hoffenheim stand er sogar in der Startelf, wurde erst nach dem 1:2 kurz vor Schluss ausgewechselt. Alles hätte gut sein können…

Beginn der Leidenszeit

Dann erkrankte Nikci Ende September an Meningitis. Zwei Wochen lag der Schweizer im Krankenhaus, bis er von den Ärzten das Okay bekam, wieder nach Hause zurückzukehren. Er begann von da an wieder von null. Er kämpfte sich aber wieder heran, im November wurde Nikci im Spiel bei Bayern München – am 13. Spieltag – als Comebacker eingewechselt, als es bereits 0:5 stand. Nach seiner Zeit bei 96 beklagte Nikci sich, er sein von den Vereinsärzten dazu gedrängt worden, schnell wieder fit zu werden. Ein Vorgehen, welches ihm andere Ärzte im Nachhinein als gefährlich bescheinigt hatten.

In der Gruppenphase der Europa League durfte er ebenfalls noch zweimal als Joker mitmachen, um die „Roten“ in die Zwischenrunde zu führen, das letzte Spiel für 96 machte er im Dezember 2012 beim 2:2 gegen UD Levante, als er für den verletzten Lars Stindl einspringen musste.

Es folgten weitere Verletzungen und Rückschläge. In der Rückrunde schaffte er es ein paar Mal auf die Ersatzbank, aber mehr als Warmlaufen durfte er sich nicht. Auch in der kommenden Saison 13/14 wurde es nicht besser. Statt als Kaderspieler zu versauern, durfte er zumindest bei der zweiten Mannschaft aushelfen. Dass sich die Wege trennen würden, war aber klar. Im Januar 2014 wurde er an den FC Thun verliehen, zurück in die Schweizer Heimat.

Adoptierte Schweizer Heimat

Geboren in Sarajevo, war Nikci in seiner Kindheit in den frühen 90ern durch die Kriege auf dem Balkan in die Schweiz gekommen. In seiner Jugend schloss er sich dem FC Zürich an und durchlief alle Altersstufen, bis er 18 Jahren sein Ligadebüt gab. In den folgenden Jahren wurde er Stammspieler in Zürich und spielte Champions League gegen Bayern, Milan und Marseille und hatte sich so bereits viel Erfahrung erarbeitet, bevor er mit Anfang 20 Richtung Deutschland aufbrach.

Bei Thun spielte er nun wieder regelmäßig und traf in 16 Ligaspielen dreimal, das reichte am Saisonende zu Platz 6. In Hannover stand seit der Winterpause Tayfun Korkut an der Seitenlinie, aber auch bei diesem Trainer war klar, dass Nikci weiter bei anderen Vereinen spielen würde. Sein Vertrag lief noch ein weiteres Jahr, deswegen wurde er wieder verliehen, dieses Mal für zunächst ein halbes Jahr zu den Young Boys aus Bern, eine größere Hausnummer als noch Thun. Bei den Young Boys spielte Nikci vor allem als Joker in der Liga und in der Europa League. Damit war er der letzte 96-Spieler, der international spielte, während er offiziell noch Spieler bei Hannover war. Gegen Slovan Bratislava wiederholte er seine gegen Schalke präsentierten Joker-Qualitäten, als er eine Minute nach seiner Einwechslung am ersten Gruppenspieltag zum 4:0 traf.

Nächster Halt: Liga 2

Durch die Formalitäten ist es so, dass ein Spieler nicht bis zu seinem Vertragsende verliehen werden darf, Nikci kehrte also mit nun 25 Jahren zurück nach Hannover. Theoretisch hätte Nikci jetzt eine Halbserie auf der Tribüne im Niedersachsenstadion verbringen können. Er entschied sich aber dafür, den Vertrag aufzulösen.

Zurück in die Schweiz ging es aber nicht: so dringend wollte in Young Boys nun auch nicht haben. Stattdessen ging der Blick Nikcis Richtung Franken, er heuerte beim „Glubb“ in Nürnberg an. Hier traten aber wieder seine auch schon vorher bekannten Probleme mit Adduktoren und Leisten auf, es reichte insgesamt nur für fünf Kurzeinsätze für die Nürnberger.

Im Sommer 2015 ging es schon wieder weiter: Beim FC Union trainierte Norbert Düwel, ein ehemaliger Co-Trainer von Mirko Slomka, unter dem Nikci ja seine erfolgreichste Zeit verbracht hatte. Ohne viel Risiko zu gehen, verpflichtete Union den Schweizer. Besser lief es für ihn dort aber auch nicht. Bislang stehen ganze zwei Minuten Einsatzzeit gegen 1860 München am 4. Spieltag auf der Uhr. Seitdem hat es entweder leistungs- oder leistentechnisch nicht gereicht. Momentan fällt er zunächst einmal bis zum Ende der Hinrunde aus. Es wird aber auch gemunkelt, dass seine Profikarriere schon bald beendet sein könnte, weil er einfach nicht mehr fit werde. Zu wünschen wäre ihm, dass ihm noch ein Comeback gelänge. Im Zweifel ein Einsatz ab der 77. Minute, der nur wenige Minuten später torjubelnd abdrehend gefeiert wird.

Wie eine echte #h96legende.

Noch jemand?

Zu all jenen, die mal transferiert wurden, um einen internationalen Lauf zu ermöglichen, kommen ja auch solche Spieler, die heldenhaft mit der Mannschaft aufgestiegen sind, danach jedoch in der ersten Liga keinen Fuß fassen konnten. Ein erstes Beispiel dafür ist Conor Casey, der 2001 von Borussia Dortmund als Sturmtalent aus den USA geholt wurde. Hannover 96 lieh den US-Boy aus und er half mit sieben Tore in 19 Spielen zum Aufstieg in die Bundesliga mit. Dort waren seine Einsatzminuten dann sehr limitiert, jedoch war sein letztes Spiel für Hannover sein wichtigstes: Am 34. Spieltag wurde Casey eine Viertelstunde vor Schluss eingewechselt und köpfte zehn Minuten später zum 1:0-Siegtreffer ein, der Hannovers Saison auf Platz 11 beenden ließ und Bielefelds sofortigen Wiederabstieg besiegelte. Nach Aufenthalten bei Karlsruhe und Mainz ging Casey wieder in die MLS, nach Toronto FC und den Colorado Rapids spielt Casey mit 34 jetzt bei Philadelphia Union.

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)