Türchen #23

Beinahe am Abschluss des Kalenders steht die etwas ungewöhnliche Geschichte eines echten Hannoveraners, der den Sprung in die erste Mannschaft schaffte, dann eigene Wege ging und jetzt in der Nachbarschaft in der vierten Liga aufläuft und dort den Nachwuchsspielern mit seiner Erfahrung zur Seite steht.

 

Türchen #23: Bastian Schulz

Auch Bastian Schulz kommt aus Isernhagen, seine Kindheit verbrachte er in den frühen 90er Jahren beim TuS Altwarmbüchen, bis er im Jahr 1997 mit knapp 12 Jahren zu Hannover 96 in die Jugendabteilung wechselte. Dort spielte er in allen Mannschaften und ab 2004 auch in der zweiten Mannschaft. Zwar war er durchaus talentiert und wurde mit 20 Jahren von Ewald Lienen in den Kader berufen, als der erste Spieltag der Saison 2005/06 anstand, aber eigentlich spielte Schulz immer in der Oberliga Nord im Mittelfeld, sei es links, rechts oder zentral. In vier Saisons dort schoss Schulz 16 Tore und half mit, dass Hannover II immer im oberen Tabellendrittel landete.

Bei den Profis

Sein Debüt für die Profimannschaft gab Schulz am 15. März 2008 mit 22 am 24. Spieltag gegen Arminia Bielefeld, als er in der Halbzeit für Altin Lala eingewechselt wurde. Eine Woche später wurde er gegen den MSV Duisburg erneut eingewechselt und stand für den Rest der Saison im Kader. Das Startelfdebüt kam am 3. Spieltag der Saison 2008/09, als er zusammen mit Altin Lala das defensive Mittelfeld gegen den VfB Stuttgart besetzte und man trotzdem 0:2 verlor.

In Erinnerung geblieben ist vor allem der 11. Spieltag dieser Saison gegen den Hamburger SV. Bereits nach fünf Minuten konterte 96 im eigenen Stadion, der Ball kam zu Schulz, der aus 20 Metern einfach mal draufhielt. Der Schuss flatterte und senkte sich über Frank Rost zum 1:0 ins Netz – ein Traumtor. Am Ende stand es 3:0 und Bastian Schulz war der frühe Matchwinner. Der Rest der Saison war eine Mischung aus Startelf, Kurzeinsätzen und raus aus dem Kader. Zu 100% konnte er sich nicht etablieren, war aber immer eine Bereicherung für das Spiel. Am Ende der Saison wollte Schulz, der ansonsten ein bescheidener Spieler war, der nebenbei eine Ausbildung gemacht hatte, zumindest anerkannt haben, dass sein Vertrag nicht mehr ein reiner Vertrag für die zweite Mannschaft war. Immerhin hatte er jetzt schon 23 Bundesligaspiele und ein Tor gemacht. Hannover 96 wollte dem Wunsch aber nicht entsprechen und so suchte sich Bastian Schulz einen neuen Verein.

Auf eigenen Beinen

Beim 1. FC Kaiserslautern hatte der neue Trainer Marco Kurz das Potential des Hannoveraners erkannt und verpflichtete ihn für 100.000 Euro in die 2. Liga. Dort wird Schulz sofort zum Stammspieler und sorgt mit dafür, dass Lautern fast vom Start weg die 2. Liga dominiert und Richtung Bundesliga schielen kann. Kurz vor der Winterpause kommt dann der Schock: Bastian Schulz erleidet einen Kreuzbandanriss, fällt bis fast zum Saisonende aus. Während der Mittelfeldspieler an seiner Rückkehr an den Geräten arbeitet, macht Lautern ohne ihn genauso weiter wie mit ihm. Sie können seinen Ausfall kompensieren und bei seiner Rückkehr am 30. Spieltag steht der Aufstieg so gut wie fest und er muss feststellen: Vermisst hat mich die Mannschaft nicht so wirklich.

Er will es aber wissen und hängt sich im Sommer nach dem Aufstieg rein, möchte wieder Teil der Mannschaft werden. Das geht aber nicht gut, in der Bundesliga erhält er nur drei Einsätze, davon einer von Anfang an, bei dem er beim Stand von 0:3 gegen Stuttgart früh ausgewechselt wird (Endstand 3:3). Deswegen schaut sich Schulz erneut um und unterschreibt bei RB Leipzig in der Regionalliga Nord, wo Schulz wieder Stammspieler ist und mit Leipzig auf Rang 3 landet. Eine Saison später ist es die Regionalliga Nordost nach der Strukturreform des DFB. Das bedeutet teilweise neue Gegner und einen Durchmarsch zum Regionalligatitel für Leipzig. Dank des DFB steigt ein Meister aber nicht sofort auf, sondern muss durch Aufstiegsspiele. Für Leipzig bedeutet das ein Playoff gegen die Sportfreunde Lotte, den Meister der Regionalliga West. Nach einem 2:0-Hinspielsieg stehen alle Zeichen auf 3. Liga, bis Lotte in der 94. Minute das 2:0 schafft und in letzter Sekunde die Verlängerung erzwingt. Dort erweist sich Tobias Willers – Torschütze zum 1:0 und ehemaliger Spieler in Hannovers 2. Mannschaft – als Helfer für Leipzig, indem er ein Eigentor erzielt und so die Weichen auf Aufstieg für RB stellt. In der 110. Minute kommt Bastian Schulz im Lotter Strafraum zu Fall und nach dem erzielten 2:2 per Elfmeter steht der Aufstieg fest. In der 3. Liga ist Schulz mit nun 28 Jahren eigentlich wieder Stammspieler, jedoch setzt Trainer Alexander Zorniger nun vermehrt auf den Youngster Joshua Kimmich. So wird im Winter 2013 der Vertrag aufgelöst und Bastian Schulz zieht zurück nach Niedersachsen.

Wolfsburg

Sein alter Teamkollege Valérien Ismaël ist Trainer von Wolfsburgs Reserve und braucht noch einen erfahrenen Mann, der die ganzen Toptalente mitbeaufsichtigt. Schulz ist sofort dabei und am Ende der Saison 2013/14 ist der Tabellenführer Wolfsburg in den Aufstiegsspielen. Schulz Erfahrung ist dort aber nicht genug, gegen den Underdog Sonnenhof-Großaspach verliert man nach Hin- und Rückspiel 0:1 und muss in der Regionalliga Nord bleiben. Ismaël geht zur neuen Saison nach Nürnberg und Thomas Brdarić übernimmt. Unter ihm wird man aber nur Tabellenzweiter, Schulz trifft immerhin achtmal. Ismaël kommt nach dem gescheiterten Versuch in Nürnberg zum Sommer 2015 zurück und steht zur Winterpause hinter dem VfB Oldenburg auf Platz 2. Schulz hat mit 30 Jahren 15 von bislang 20 Spielen gemacht und bleibt ein Einfluss auf die jungen Spieler. Er träumt immer noch vom Aufstieg in die 3. Liga.

Eine echte #h96legende.

 

Noch jemand?

Zur Saison 2003/04 hatte 96 Kléber aus Brasilien ausgeliehen, um in der linken Verteidigung mehr Stabilität zu haben. Er machte 23 Spiele, dabei ein Tor und vier Vorlagen. Nach dem Ende der Leihe ging es für ihn zum FC Basel, wo er aber nur ein Jahr blieb und direkt danach wieder nach Brasilien zurückging und dort im Sommer 2014 seine Karriere beendete.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)
Türchen #5 – Abel Xavier (5 Spiele, 0 Tore)
Türchen #6 – Jan Simak (6 Spiele, 2 Tore)
Türchen #7 – Gunnar Heidar Thorvaldsson (7 Spiele, 0 Tore)
Türchen #8 – Carlitos (8 Spiele, 0 Tore)
Türchen #9 – Erik Jendrisek (9 Spiele, 0 Tore)
Türchen #10 – Roman Wallner (10 Spiele, 0 Tore)
Türchen #11 – Jan Rosenthal (80 Spiele, 11 Tore)
Türchen #12 – Hanno Balitsch (150 Spiele, 12 Tore)
Türchen #13 – Mohamadou Idrissou (64 Spiele, 13 Tore)
Türchen #14 – Johan Djourou (14 Spiele, 0 Tore)
Türchen #15 – Valdet Rama (15 Spiele, 0 Tore)
Türchen #16 – Artjoms Rudņevs (16 Spiele, 4 Tore)
Türchen #17 – Sören Halfar (17 Spiele, 0 Tore)
Türchen #18 – Ricardo Sousa (18 Spiele, 1 Tor)
Türchen #19 – Sérgio da Silva Pinto (159 Spiele, 19 Tore)
Türchen #20 – Clint Mathis (20 Spiele, 5 Tore)
Türchen #21 – Benjamin Lauth (21 Spiele, 0 Tore)
Türchen #22 – Gerhard Tremmel (22 Spiele, 0 Tore)

Türchen #17

Ach, seit wie vielen Jahren klagen 96-Fans über Lücken auf der linken Abwehrseite? Sei es Miiko Albornoz, Edgar Prib oder Christian Pander… am Ende bleibt die Ernüchterung, dass es doch alles nicht funktioniert und man mal einen holen müsste, der es wirklich kann und der sich nicht sofort mit dem Coach überwirft (ja, das geht an dich, „Poco“!)… Aber da war doch mal einer? Ja, direkt nach der Ära „Tanne“ Tarnat, ein Junge aus der Region, hochdekoriert…

 

Türchen #17: Sören Halfar

Sören Halfar ist ein echter Hannoveraner. Geboren im Januar 1987, spielte er seinen ersten Fußball bei der DJK TuS Marathon Hannover. Es ging ziemlich schnell zu den größeren Vereinen, zunächst zum TSV Havelse, danach mit 16 Jahren zu Hannover 96. Dort spielte Halfar schon sehr früh in der A-Jugend und kam dort regelmäßig zum Einsatz, mit 17 spielte er gegen den FC Bayern im Halbfinale um die A-Jugend-Meisterschaft, unterlag jedoch.

Im Januar 2005 mit gerade 18 Jahren reiste Sören Halfar mit der Profi-Mannschaft unter Ewald Lienen ins Trainingslager, sein Mentor und Kollege Michael Tarnat wurde immer älter und verletzungsanfälliger. Deswegen gab Halfar in der Rückrunde 2004/05 sein Debüt für Hannover 96 auf der Linksverteidiger-Position. Insgesamt siebenmal stand er bis zum Sommer auf dem Platz, darunter viermal über die kompletten 90 Minuten.

In der kommenden Saison rückte der Youngster wieder hinter Michael Tarnat in die zweite Reihe zurück, um zu lernen, aber nach einigen längeren Einsätzen folgte eine elendig lange Zwangspause. Im Oktober 2005, kurz nachdem Halfar die erste Fritz-Walter-Medaille in Silber verliehen worden war, riss beim immer noch 18-Jährigen das Kreuzband und setzte ihn bis ins Frühjahr 2006 außer Gefecht. Aber damit nicht genug: Gerade genesen und zurück im Mannschaftstraining – neuer Trainingsleiter war mittlerweile Peter Neururer – verdrehte Halfar sich im April erneut das linke Knie und riss sich das Kreuzband erneut. Sein lang ersehntes Comeback gab Halfar – mittlerweile 20 Jahre alt – im Januar 2007 beim 5:0 gegen Hertha BSC. Der Trainer hieß nun Dieter Hecking.

Weg von Hannover

Bis zum Saisonende saß Halfar auf der Bank und kam noch zu zwei Kurzeinsätzen. Die Saison 2007/08 begann Halfar auf der Linksverteidiger-Position, bis Christian Schulz als Nachfolger für Michael Tarnat verpflichtet wurde. Daraufhin ging der 96er leihweise zum SC Paderborn in die 2. Liga und spielte dort entweder im linken Mittelfeld oder in der linken Verteidigung. Trotz seiner 17 Spiele stieg Paderborn zum Saisonende in die 3. Liga ab. Anstatt zu Hannover 96 zurückzukehren, löste er seinen Vertrag auf und wechselte fest nach Ostwestfalen. Dort fand er seinen Stammplatz in der Linksverteidigung und Paderborn führte die Liga souverän an, als Halfar zum Jahresende 2008 einen Knorpelschaden erlitt und so die komplette Rückrunde, den Aufstieg in die 2. Liga und fast die gesamte Hinrunde verpasste.

Das nächste große Comeback gab Sören Halfar, immer noch erst 22 Jahre jung, im November 2009 gegen Rot Weiss Ahlen. Insgesamt kam er in dieser Saison aber nur auf fünf Einsätze und so wechselte er nach Burghausen zurück in die 3. Liga. Dort überzeugte er als offensiver Linksverteidiger, der mit vier Tore und fünf Vorlagen die Wacker vor dem Abstieg bewahrte und am Saisonende auf Platz 17 landete. Im Sommer 2011 wechselte er zum Ligakonkurrenten nach Sandhausen, der in der Vorsaison noch im Mittelfeld der 3. Liga gelandet war. Nun führte der SV Sandhausen die 3. Liga souverän an, als im Winter 2011 erneut eine Operation anstand: Dieses Mal hatte Halfars Leiste ein Weiterspielen unmöglich gemacht.

Auch ohne Halfars Mithilfe gelang der Aufstieg und das dritte Comeback seiner Karriere mit nun 25 Jahren fand in der 2. Liga beim 1. FC Köln statt. Es reichte für sieben Einsätze in der Liga, bis die Leistenverletzung wieder aufbrach und eine weitere OP fällig wurde. Irgendwann dann muss es Sören Halfar zu blöd geworden sein, ständig OPs, Reha und Einzeltraining zu absolvieren, nur um dann nach wenigen Spielen wieder von Null anzufangen.

Zurück nach Hannover

Und so entschloss sich Sören Halfar, als der SV Sandhausen wegen der Insolvenz des MSV Duisburg wochenlang nicht wusste, ob man nun abgestiegen war oder nicht, mit 26 Jahren seine Profikarriere zu beenden. Sein letzter Profieinsatz war am 29. September 2012 bei 1860 München, seitdem war viel Zeit zum Nachdenken vergangen.

Die Zeit hatte er wohl gut genutzt, denn nicht nur zog er zurück nach Hannover, der Niedersächsische Fußballverband konnte im November 2013 auch verkünden, dass Halfar die erste Stufe der Trainerlaufbahn, den C-Schein, bestanden hatte. Nach weiteren Praktika und Lehrgängen war im Februar 2015 die Elite-Jugend-Lizenz erreicht, mit der man alle Jugendmannschaften außer denen in A- und B-Jugendbundesliga trainieren darf.

Trainerlaufbahn

Nachdem Havelse-Trainer Christian Benbennek im Sommer 2015 zu Alemannia Aachen gewechselt war, übernahm der bisherige A-Jugend-Trainer Stefan Gehrke. Dessen Co-Trainer konnte aber aus familiären Gründen den Job nicht annehmen und so trat Sören Halfar das Amt des Assistenten im Juli an. Als nach neun Spieltagen Gehrke wegen zweier schwerer Niederlagen von seinen Chefaufgaben entbunden wurde, übernahm Halfar für drei Ligaspiele in der Regionalliga Nord das Amt des Interimstrainers und schaffte dort einen Sieg, ein Unentschieden und eine Niederlage, bis Havelse Alexander Kiene vom Konkurrenten BSV Rehden loseisen konnte. Gehrke wurde wieder U19-Trainer, Halfar blieb Co-Trainer.

Mittlerweile steht Havelse auf einem ordentlichen 6. Tabellenplatz in der 4. Liga, der Aufstiegsrundenrang ist allerdings schon zu weit entfernt, um dort noch eingreifen zu können. Für Sören Halfar wird es darum gehen, bei Havelse weiter Erfahrung zu sammeln und zeitnah den A-Schein und vielleicht sogar den Fußballlehrer-Schein zu machen, um wenigstens an der Seitenlinie öfter Bundesligaluft zu schnuppern.

Es ist auf der einen Seite schade zu sehen, dass eine potentiell weite Karriere durch viele frühe Verletzungen so schwer unterbunden wurde, andererseits freut es mich sehr, dass Halfar in so jungen Jahren einen wichtigen Schritt gemacht hat und sich nun an der Seitenlinie sichtlich wohlfühlt.

Eine echte #h96legende.

 

Noch jemand?

Um beim Thema Ex-Spieler und Jetzt-Trainer zu bleiben, kommt man heute nicht um Jörg Sievers herum. Ich habe ihn trotzdem nicht zum Hauptthema gemacht, weil er das seit 1992 (zurecht) immer wieder war und seine Geschichte weit bekannt ist. Nach der Jugend in Lüneburg und einem Irrweg in Wolfsburg kam die Zeit in Hannover mit dem Pokalsieg und dem Abstieg und dem Aufstieg und dem Weg zurück in die Bundesliga. Mit 37 durfte er endlich Bundesligaluft schnuppern, zumindest 16 Spiele in der Hinrunde und in der letzten Minute des 34. Spieltags, bevor er den Job des Torwarttrainers übernahm. Am letzten Spieltag der Saison 2005/06 war die Not im Tor sogar so groß, dass er mit nun 40 Jahren noch einmal auf der Bank im Torwarttrikot Platz nahm, aber nicht mehr zum Einsatz kommen musste.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)
Türchen #5 – Abel Xavier (5 Spiele, 0 Tore)
Türchen #6 – Jan Simak (6 Spiele, 2 Tore)
Türchen #7 – Gunnar Heidar Thorvaldsson (7 Spiele, 0 Tore)
Türchen #8 – Carlitos (8 Spiele, 0 Tore)
Türchen #9 – Erik Jendrisek (9 Spiele, 0 Tore)
Türchen #10 – Roman Wallner (10 Spiele, 0 Tore)
Türchen #11 – Jan Rosenthal (80 Spiele, 11 Tore)
Türchen #12 – Hanno Balitsch (150 Spiele, 12 Tore)
Türchen #13 – Mohamadou Idrissou (64 Spiele, 13 Tore)
Türchen #14 – Johan Djourou (14 Spiele, 0 Tore)
Türchen #15 – Valdet Rama (15 Spiele, 0 Tore)
Türchen #16 – Artjoms Rudņevs (16 Spiele, 4 Tore)

Türchen #6

Nikolaus ist ja immer ein besonderer Anlass, in vielen Haushalten stehen heute Stiefel voller Süßigkeiten vor der Tür. Ich nutze diesen Tag, um auf einen der ernsthaft talentiertesten Spieler zu blicken, der jedem Fan ein Begriff ist und zu dem jeder Bewohner der Stadt Hannover eine eigene Anekdote zu erzählen hat. Ein prall gefüllter Fußballstiefel, quasi.

Türchen #6: Jan Simak

Der 37-Jährige hat vermutlich die größte Differenz zwischen Talent und Ertrag in diesem Kalender vorzuweisen. Geboren in Tabor, einer Kleinstadt südlich von Prag, verlebte er dort seine Jugend bei Vereinen des Orts und bei České Budějovice. Mit 18 Jahren ging es zu Chmel Blšany, einem kleinen Verein im Westen Tschechiens. Zunächst spielte Simak dort in der 2. Liga, 1998 kam der Aufstieg. Im kommenden Jahr stand ein 17-jähriges Torwarttalent zwischen den Pfosten, ein gewisser Petr Cech.

Erstes Mal bei Hannover

Im Jahr 2000 kam der Wechsel nach Hannover, für 250.000 Euro holte sich 96 den 22-jährigen Simak. Zwar war seine Reputation eine voller rauschender Feiern und einer eher laxen Auslegung der Trainingsbeteiligung, aber auf dem Platz agierte er wie ein Weltklassespieler. Nachdem es in der Debütsaison zu neun Toren reichte, wurde in der Aufstiegssaison 01/02 noch einmal deutlich nachgelegt. 18 Tore und 19 Vorlagen beschreiben ganz gut, warum er sich in die Herzen der Fans spielte. Probleme abseits des Platzes wurden zwar adressiert, aber nicht konsequent unterbunden. Man gewährte Simak seine Freiheiten.

Ballack-Nachfolger

Bayer Leverkusen hatte sich vorgenommen, das Talent zu einem Topstar zu schmieden. Klaus Toppmöller wollte Simak formen, ihn zum Ballack-Nachfolger machen. Dieser war nach den drei zweiten Plätzen 2002 und dem verpassten WM-Finale zum FC Bayern gegangen. Simak spielte zu Saisonbeginn regelmäßig, allerdings nicht auf seiner gewohnten zentralen Mittelfeldposition, sondern auf dem linken Flügel. Trotzdem erwischte er einen Auftakt nach Maß: Gegen Cottbus und Bochum traf er am 1. und 3. Spieltag, wie man ihn kennt durch knallharte Schüsse mit seinem linken Schlappen. Danach wurden seine Einsatzzeiten jedoch weniger. Im Hintergrund hatte Leverkusen viel mit seinen Feiern und seinem Alkoholproblem zu tun. In der Rückrunde besuchte Bayer Hannover 96 am 22. Spieltag, Simak durfte mal wieder in der Startelf stehen. Das lag vor allem daran, dass Trainer Toppmöller entlassen worden war und sein Nachfolger Thomas Hörster sehen wollte, „auf wen er sich verlassen kann“. Klar, dass Jan Simak gegen seinen Ex-Klub in der 91. Minute den 2:1-Siegtreffer markierte.

Das zweite Mal 96

Das war sein letztes gutes Spiel für Leverkusen, danach kamen nur noch wenige Kurzeinsätze. Im Sommer 2003 präsentierte Hannover 96 die Rückkehr des verlorenen Sohns, der Rekordtransfer wurde vom Ligakonkurrenten ausgeliehen. Gegen den HSV dauerte es nur elf Minuten, bis sein erster Assist zu verzeichnen war und Jiri Stajner das 1:0 erzielte. Simak wirkte wie befreit und machte in den nächsten Spielen auch genauso weiter. Gegen Hansa Rostock netzte er am 4. Spieltag zum ersten Mal, im folgenden Spiel gegen die Hertha markierte er mit einem starken Drehschuss seinen zweiten Treffer.

Aber dann… Nach dem 2:0-Sieg gegen Mönchengladbach tauchte Simak ab. Er fuhr nach Tschechien, meldete sich nicht ab, galt als verschollen. In Hannover setzten sich die verschiedenen Verantwortlichen zusammen: Berater, Trainer, Manager von 96 und Bayer, alle versuchten, eine Lösung für das Problem zu finden. Simak redete derweil mit seinem Berater. Er könne nicht mehr, brauche eine Pause. Sein Kopf mache einfach nicht mehr mit. Berater Christoph Leutrum berichtete von depressiven Schüben, Sportdirektor Ricardo Moar offenbarte Ahnungslosigkeit, als er erwiderte, Simak habe gar keine Depressionen haben können, er habe doch jeden Tag Witze gemacht. Für Simak stand jedoch fest: Mehr als diese sechs Erstligapartien für Hannover 96 könne er nicht leisten.

Neuanfang in Prag

Nach einer ärztlichen Untersuchung wurde bei Simak ein Erschöpfungssyndrom festgestellt und der Spieler auf unbestimmte Zeit krankgeschrieben. Zum Saisonende löste er seinen Vertrag bei Bayer Leverkusen auf und fing bei Sparta Prag einen neuen Abschnitt in seiner Karriere an. Gut war es aber noch längst nicht. 24 Einsätze in drei Spielzeiten zeugen von vielen Problemen auch abseits des Platzes. Auf Anraten des Klub-Präsidenten unterzog sich Simak einer Entzugskur. Aber zumindest der Versuch, Normalität zu erreichen, war da. Davon zeugte auch der Wechsel zu Carl Zeiss Jena im Sommer 2007. Simak war jetzt fast 29, er wollte es noch einmal wissen. Er unterschrieb einen Zweijahresvertrag und spielte regelmäßig und vor allem gut. Sieben Tore und acht Vorlagen lockten Begehrlichkeiten aus der Bundesliga, trotz eines Leistenbruchs zum Saisonende. Dabei musste er einige Provokationen aushalten: Gästefans verhöhnten ihn, Gegenspieler beleidigten ihn als „Alkoholiker“ auf dem Platz. Aber Simak riss sich zusammen – fast immer: Jena stand 2008 vollkommen überraschend im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Borussia Dortmund. Kurz nach der Pause lag der Außenseiter nur 0:1 zurück, als Simak in der 51. Minute Gelb wegen Meckerns erhielt, weitermeckerte und direkt mit Gelb/Rot vom Platz flog.

Armin Veh holte Simak zum VfB Stuttgart, dort spielte er 20 Mal in der Saison 2008/09, in der Folgesaison bekam er aber kaum noch Einsätze. Im Januar 2010 heuerte er bei Mainz 05 an, gab sein Debüt gegen Hannover 96. Durchsetzen konnte er sich jedoch auch bei den Mainzern nicht. Als die „Bruchweg-Boys“ in der Saison 2010/11 durchstarteten und am Ende Tabellenfünfter wurden, saß Simak nur auf der Tribüne.

Zurück nach Jena, zurück nach Tschechien

Mit nun 33 lockte die Ruhe Jenas wieder, dort hatte er sich wohlgefühlt. Carl Zeiss spielte mittlerweile in der 3. Liga, aber Simak hängte sich rein. Acht Tore und sieben Vorlagen steuerte er bei, am Ende stieg Jena trotzdem in die Regionalliga ab. Da wollte Simak aber nicht spielen, er kehrte zurück in sein Heimatland und spielt seitdem in der zweiten tschechischen Liga. Zuerst bei Taborsko, läuft er seit diesem Sommer mit frischen 37 Lenzen für einen Klub seiner Jugend auf: České Budějovice. Und dort zeigt er, dass er durchaus wieder Lust hat, Fußball zu spielen.

Es ist einfach sehr schade, dass ihm dies während seiner Glanzzeit nicht vergönnt war. Gerade nach seiner Rückkehr zu 96 wäre mit ihm so viel möglich gewesen. Dabei stand er sich aber allzu oft selbst im Weg. Ein drittes Mal Simak bei 96 gab es aber dennoch: Im August 2014 lud Steven Cherundolo zum Abschiedsspiel. Natürlich stand da auch Jan Simak wieder auf dem Platz und half mit, „Dolo“ gebührend zu verabschieden.

Eine echte #h96legende.

Noch jemand?

Natürlich, ein echter Hannoveraner: Fabian Montabell. Fabian wer? Der Junge hat die Jugendabteilungen des Vereins durchlaufen, konnte als Stürmer aber nie Fuß in der Profimannschaft fassen. Es reichte in seiner Zeit zu sechs Kurzeinsätzen in vier verschiedenen Saisons über insgesamt 36 Minuten. Nach mehreren Stationen bei unterklassigen Vereinen ist Montabell mittlerweile in der fünften Liga namens Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar bei der TuS Koblenz angelangt und mimt dort den 30-jährigen Edeljoker.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)
Türchen #5 – Abel Xavier (5 Spiele, 0 Tore)