Türchen #3

Ein Torhüter und ein Verteidiger in der Liste. Was folgt dann am 3.12.?

Türchen #3: Henning Hauger

Ein Mittelfeldspieler, natürlich. Ein norwegischer noch dazu. Henning Hauger, Held der Europa-League-Saison 2011/12. Ein defensiver Mittelfeldspieler, der seine Erfahrung aus Jahren in der Tippeligaen einbringen sollte, um 96 bereit für Europa zu machen. Und das tat er. Mit drei Einsätzen in der Liga plus zwei Spielen in der Europa League.

Heimat

Hauger kommt aus Bærum, einem Vorort von Oslo. Hier wurde er 1985 geboren, hier wuchs er auf und lernte das Fußball spielen. Genauer gesagt bei Stabæk IF, dem lokalen Erstligisten. Hier blühte er auf, im defensiven Mittelfeld, Profifußball sowohl auf nationalem als auch auf internationalem Level. In Norwegen wird die Saison wegen der teils polaren Begebenheiten über das Kalenderjahr gespielt. In Oslo wirkt sich das weniger aus als im Norden des Landes, doch auch in der norwegischen Hauptstadt kann es sehr kalt werden. Stabæk qualifizierte sich regelmäßig international, 2004 durfte Hauger in der 1. Runde des Pokals gegen den FC Sochaux aus Frankreich antreten. Nach Hin- und Rückspiel stand ein sehr eindeutiges 0:9 zu Buche, welches den Norwegern durchaus aufzeigte, wo genau sie auf der Fußballlandkarte zu verorten waren. Zu dem Zeitpunkt war Hauger erst 19, früh hatte er den Durchbruch in den Profikader geschafft.

Stabæk

Stabæk ist ein Verein, bei dem es mehrere norwegische Talente bereits zu etwas gebracht haben. Als Beispiele seien hier nur Mix Diskerud und Mats Møller Dæhli erwähnt. Mix Diskerud wechselte nach einer erfolgreichen Laufbahn zu Rosenborg Trondheim und von dort zum neu gegründeten New York City FC. Als US-Nationalspieler hat er bislang 36 Länderspiele absolviert. Mats Møller Dæhli wechselte aus der Jugendabteilung zu Manchester United. Von dort ging es für den jungen Mittelfeldspieler über mehrere Stationen schließlich zum SC Freiburg, für die er wegen massiver Probleme mit der Patellasehne aber noch kaum auflaufen konnte. Jan Åge Fjørtoft (“Der Norweger”) kehrte nach seiner Zeit bei Frankfurt zurück nach Norwegen und spielte ebenfalls bei Stabæk.

Henning Hauger hatte beobachtet, wie Moa Abdellaoue im Sommer 2010 von Valerenga nach Hannover gewechselt war und dort mit dafür gesorgt hatte, dass 96 am Ende der Saison 10/11 Tabellenvierter war. Nachdem Hauger im Jahr 2009 in Champions-League- und Europa-League-Qualifikation weiter internationale Luft geschnuppert hatte, wurde er im Juli 2011 von Jörg Schmadtke und Mirko Slomka verpflichtet, um den Kader für die internationalen Aufgaben zu verbreitern.

Hannover

Er war 25 und damit im besten Fußballeralter. Klar, es war eine deutliche Steigerung zum norwegischen Fußball, aber er schien bereit, diese Aufgabe meistern zu wollen. Sein Debüt für 96 gab er gleich am 1. Spieltag der neuen Saison 2011/12, als Hannover gegen Hoffenheim antrat. Vielen wird das Spiel im Gedächtnis geblieben sein, weil Jan Schlaudraff einen Freistoß schnell ausführte und in den Winkel zirkelte. Den schnellen Ausgleich egalisierte Abdellaoue per Foulelfmeter. Knapp 20 Minuten vor dem Ende durfte Henning Hauger Bundesligaluft schnuppern. Er kam für Sergio da Silva Pinto ins Spiel und machte die drei Punkte sicher. Näher an einen Stammplatz brachte ihn das allerdings nicht. Sein zweiter Einsatz für Hannover dauerte eine ganze Minute, als er im Playoff-Hinspiel gegen Sevilla zum Zeit schinden für Manuel Schmiedebach eingewechselt wurde. Um es positiv zu formulieren: Hier spielte Hauger seine ganze internationale Erfahrung aus.

Einsätze waren weiter rar gesät: ein zweiter Einsatz in der Bundesliga kam am 4. Spieltag beim 1:1 gegen Mainz, diesmal waren es sogar 25 Minuten. Im ersten Heimspiel der Europa-League-Gruppenphase gegen Standard Lüttich kamen weitere 15 Minuten hinzu, das Spiel endete torlos. Ich erinnere mich daran, dass dies die einzigen Minuten waren, bei denen ich Hauger live im Stadion sah. Zwar war er drei Tage später gegen Borussia Dortmund wieder da, aber ich nicht. Erinnerungen hat fast jeder noch an dieses Spiel: Nach der Führung für den BVB gleicht 96 durch Haggui spät aus und Didier Ya Konan trifft Sekunden vor dem Abpfiff zum 2:1-Siegtreffer. Ich hörte das Spiel damals im Radio auf der A2 auf dem Weg nach Hause von einem Familientreffen, Henning Hauger saß da bereits auf der Bank, vielleicht war er schon duschen gegangen. Direkt nach dem 0:1 war er ausgewechselt worden, die Wende kam ohne ihn.

Nicht nur, dass er keinen Stich hatte, in die erste Elf vorzudringen. Jetzt plagten ihn auch noch Leistenprobleme, die ihn davon abhielten, überhaupt Chancen auf die Ersatzbank zu haben. Der Fokus galt der Rehabilitation, während 96 international weiter Meriten sammelte, sei es in Lüttich, Kopenhagen oder Poltava. In der Rückrunde half er einige Male bei Hannover II aus, sieben Mal um genau zu sein. Es stand jedoch fest, dass aus Henning Hauger kein Bundesligaspieler mehr werden würde.

Rückkehr nach Skandinavien

Wie man es mit Spielern macht, die man mehrere Jahre verpflichtet hat, wurde Hauger zunächst einmal verliehen. Es ging zurück nach Norwegen, Lillestrøm war das Ziel. Mit dem Klub erreichte Hauger einen gesicherten Mittelfeldplatz. Schlechter erging es seinem ehemaligen Verein Stabæk, dieser stieg sang- und klanglos ab. Die Leihe von Hauger lief aber nur bis zum Jahresende 2012, er kehrte wieder nach Hannover zurück. Dort war den Verantwortlichen aber klar, dass der Norweger keine Chance auf einen Kadereinsatz hatte, deswegen nahm man ein Angebot vom IF Elfsborg wahr und ließ den nun 27-Jährigen endgültig gehen. Hier, im Südwesten Schwedens, in der Nähe von Göteborg, wusste man die Leistungen des Norwegers zu schätzen und gab ihm relativ bald einen Stammplatz im defensiven Mittelfeld. Mit Elfsborg gab es immer wieder Möglichkeiten, sich in den frühen Qualifikationsrunden der Europa League zu messen, aber man musste eingestehen, dass Elfsborg für diesen Wettbewerb etwas zu klein ist.

Die Saison im Jahr 2014 war für alle Beteiligten eine sehr schwierige. Zwar qualifizierte man sich für die Ausscheidungsrunden in der Europa League im Sommer 2015, jedoch wurde dies im Oktober 2014 in ein besonderes Verhältnis gesetzt. Trainer Klas Ingesson hatte bereits seit dem Jahr 2009 mit Knochenmarkskrebs gekämpft, ihn aber im Jahr 2010 das erste Mal besiegt und danach seine Trainertätigkeit wieder aufgenommen. Im Jahr 2013 war der Krebs zurückgekehrt und auch eine Stammzellentransplantation konnte nicht helfen. Im Mai 2014 gewann das Team um Henning Hauger mit Ingesson im Rollstuhl an der Seitenlinie den schwedischen Landespokal, bis in den Oktober hinein war Ingesson an der Seitenlinie präsent. Kurz nachdem er verkündet hatte, dass er zum Saisonende das Traineramt niederlegen wolle, starb Ingesson an den Folgen des Krebsleidens am 29. Oktober, wenige Tage vor dem letzten Saisonspiel.

Unter seinem Nachfolger Magnus Haglund blieb Hauger 2015 Stammspieler im defensiven Mittelfeld und sorgte so für einen guten vierten Platz, mit dem die internationalen Plätze jedoch knapp verfehlt wurden. In der gesamten Saison verpasste Hauger nur ein einziges Spiel wegen einer Grippe. Und auch in der kommenden Spielzeit wird Hauger mit nun 30 Jahren für Elfsborg auflaufen und die Mannschaft mit seiner Erfahrung leiten und lenken.

Eine echte #h96legende.

 

Noch jemand?

Zeitgleich mit Henning Hauger brachte Jörg Schmadtke auch Daniel Royer vom SV Ried an die Leine. Ein junger Außenspieler, der der Mannschaft vielleicht die nötige Spritzigkeit geben könnte. Zu drei Einsätzen in der Saison 11/12, in denen er nicht überzeugte, kamen elf Spiele mit der zweiten Mannschaft. Er wurde 2012 an den 1. FC Köln verliehen, bei dem er zwar Stammspieler war, jedoch den Aufstieg nicht schaffte. Und so kehrte er 2013 nach Österreich zu Austria Wien zurück. Dort begeisterte er aber so sehr, dass man in Dänemark auf ihn aufmerksam wurde und den mittlerweile 25-Jährigen im Sommer 2015 zum FC Midtjylland holte, bei dem Royer nun auf der Außenbahn wuselt und in der Europa League ebenfalls einen guten Eindruck hinterlässt.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)

“Was gibt’s an Bord, dass noch funktioniert?” – Ein Kadercheck, knappe 4 Monate zu spät

Ach, man müsste ja eigentlich viel mehr schreiben. Es gibt ja auch genug Themen, die sich anbieten bei Hannover. Der Verein dümpelt kurz über dem Strich, die rote Laterne ist auch schon durch die Hände der “Roten” gegangen. Und dennoch fühlt es sich alles ziemlich lethargisch an. Es ist halt nicht so, dass der Verein mitreißende Spiele bietet, man unverdient dort steht, wo man steht, irgendjemand vom Saisonverlauf überrascht wäre.

Man ist schlicht und ergreifend genau dort, wo man mit Kader und Trainer hingehört.  Continue reading

Vor dem Dortmund-Spiel – Quo vadis, 96?

Na das hat ja super geklappt.

Eine entspannte Saison, ein Herumdümpeln im Mittelfeld, keine nervigen Diskussionen… es klang zu schön um wahr zu sein. Aber andererseits, dann hätte man ja auch Mainz-Fan werden können.

Apropos Mainz: Das war vielleicht ein Grottenkick. Holla… schnell wieder vergessen. Defensive Nicht-Leistung gepaart mit offensiver Harmlosigkeit. Puhhh.

Rückblick

Mal davon ab: Der Saisonstart war jetzt eher so mittel. Ein Punkt aus drei Spielen – dieser auch noch gegen einen Aufsteiger, der es bislang geschickt verstand, seine #h96legende Kocka Rausch wie Messi aussehen zu lassen Gegner auf das eigene Spielniveau herunterzuziehen (mal mehr, mal weniger tief) und dann mit unterschiedlichen Mitteln zu bislang drei Punkten zu kommen. Respekt. In dem Spiel sah Erdinc (bis auf den Elfmeter) ganz okay aus. Wenn etwas in dieser Mannschaft momentan etwas funktioniert, dann die Harmonie zwischen Erdinc und Benschop. Charlie sieht überhaupt sehr engagiert aus (was ihn vom Rest der Mannschaft bislang positiv hervorstechen lässt).

Dahinter das Mittelfeld ist dann eher Kategorie “Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut gemacht”. Wobei sich bei vielen die Anstrengungen noch in Grenzen halten. Viele 96-Fans sind nach drei Spielen bereits derart konsterniert, es könnte auch wieder April sein. Was festzuhalten ist: Wenn es spielerisch nicht läuft, will man eben Kampf und Einsatz sehen (dafür werfe ich gleich ein paar Euro in die Trinkspiel-Kasse). Und das gibt es bis auf wenige Ausnahmen nicht. So viele Techniker laufen auf dem Platz gar nicht rum – Karaman kann es auf dem Level nicht zeigen, Klaus sieht nicht fit aus, Bech hatte bislang nur eine Halbzeit, Saint-Maximin probierts immerhin. Der Rest – hier seien Schmiedebach, Sané und Prib hervorgehoben – müsste jetzt wenigstens mit Grätschen, Sprints oder harten Zweikämpfen glänzen. Tun sie aber nicht. Salif ist immerhin in der Luft der King und probiert im Rahmen seiner Möglichkeiten, aber vom Rest kommt erschreckend wenig. Vielleicht bringt die Rückkehr von Kiyo ja etwas. Zwar liegen gerade alle Hoffnungen auf ihm, aber vielleicht reicht es ja, wenn er ein kleines bisschen Spielintelligenz und Kreativität auf die Zehner-Position zurückbringt. Sie fehlt dort seit Mai.

In der Zeit zwischen Leverkusen- und Mainz-Spiel bin ich ein bisschen durch die Podcast-Landschaft getourt und habe dort zu unser aller Lieblingsverein und den ersten Spielen meine paar Cents hinterlassen (zum Leverkusen-Spiel im Rasenfunk hier, bei Hannoverliebt auf MeinSportradio hier und im Neverkusenpod auf Englisch hier).

Ausblick

Jetzt kommt also der BVB. Von denen habe ich die Europa-League-Spiele gegen Odds gesehen und mir dazwischen das Ingolstadt-Spiel gegeben. Die sind schon gar nicht so schlecht. Odds hat vom schlechteren Keeper, der traditionellen Schlafmützigkeit sowie vom Schlendrian vor dem Tor zunächst profitiert. Auch Ingolstadt konnte die Dortmunder mit Härte und Glück für ein Weilchen bei 0:0 halten.

Wenn ich sage, dass wir Außenseiter sind, erzähle ich ja nichts Neues. So ist es ja schon seit Jahren gegen die Borussen. Einen Punkt zuhause behalten ist ein harter Job, den ersten Saison-Sieg zu holen quasi ein kleines Wunder. Leider bin ich immer wieder ein komplett grundloser Optimist, dass es nicht mehr feierlich ist. Und deshalb schwingt auch für das Spiel morgen immer noch eine Portion “Na, was wäre denn, wenn es irgendwie doch funktioniert und sich alle am Riemen reißen?”

Nach dem Spiel steht man leider höchstwahrscheinlich mit einem Punkt aus den ersten vier Partien irgendwo am Tabellenende und muss sich fragen, wie es weitergehen soll. Klar, das Dortmund-Spiel ist kein Gradmesser für die Saison und sollte bei der Bewertung der ersten Spiele vom Ergebnis her eher eine untergeordnete Rolle spielen, doch wie man sich verkauft, kann durchaus eine Rolle für die weiteren Wochen spielen. Nach diesem in die Hose gegangenen Start geht es auf einem Sonntagabend nach Augsburg – Ort der (halben) Rettung aus dem Mai. Ich kann dieses Mal leider nicht in den Süden reisen, sondern muss das Ganze ziemlich regungslos von der Couch verfolgen. Augsburg hat dann sein erstes EL-Spiel und einen ebenso missglückten Liga-Start in den Schuhen. Da kann sich viel entscheiden. Vor allem, weil dann die englische Woche mit Stuttgart am Mittwoch und Wolfsburg am darauf folgenden Wochenende beginnt. Dann sind wir bei Spieltag 7 und dann sollten die nächsten Punkte eingefahren sein. Sonst wird es für #frontswag sehr ungemütlich und die erste Aufgabe vom neuen Superduper-Sportdirektor (wer auch immer das sein wird) darin besteht, einen neuen Trainer zu finden. Vielleicht wartet man auch noch das Spiel gegen Bremen ab. Danach ist die nächste Länderspielpause.

Ich sag mal so: Das Vertrauen in #frontswag ist in den letzten Wochen nicht gerade gestiegen. Aber wer bin ich, dass ich ihn jetzt bei dem ersten echten Gegenwind fallen lasse. Er predigt das Mantra der Geduld und von der Frisur her ist er für mich jetzt schon Pep und Dalai Lama in einem. Seine aktuellen Interviews lassen die Trinkspiel-Kasse zwar klingeln, aber man muss das Positive sehen. Mehr Fanta-Korn für alle!

Den größten Optimismus ziehe ich dann dennoch aus der Statistik: Seit Dienstbeginn hat #frontswag eine Bilanz von 2-3-3. Das Saisonende bestand aus 2-2-1. Im Stadion war ich für die letzten drei Spiele, das macht 7/9 Punkten in meiner Anwesenheit. Ohne mich sind es nur 2/15 Punkte. Was gibt es da Besseres, als zum Dortmund-Spiel wieder ins Stadion zu gehen?

“Against All Odds” – Mit #frontswag zurück zum Graue-Maus-Dasein

Die Bundesliga-Saison startet am heutigen Freitagabend und für die meisten Fans und Experten stehen neben dem Meistertitel genau zwei Dinge fest:

1. Hannover 96 wird wenn überhaupt nur ganz knapp den Klassenerhalt schaffen, eigentlich wird es aber bestenfalls Platz 16.

2. Michael Frontzeck ist der erste Trainer, der fliegt.

Damit können wir ja dann auch mal entspannt in die Saisonvorschau starten. Wenn die Messlatte so niedrig liegt, kann der Verein nur positiv überraschen. Ein Abschneiden im vom Klub ausgegebenen Bereich von Platz 8-12 (Bonuspunkte für eine Spielzeit ohne Trainerwechsel) bringt uns für den Titel “Positive Überraschung der Saison” uneinholbar in Führung – ganz gleich welcher kleine Verein aus der zweiten Tabellenhälfte dieses Mal unerwartet an den europäischen Plätzen kratzt (Stuttgart, Mainz, HSV,…)

#frontswag-Faktor

Ja, die Vorbereitung war holprig. Die Tore der vergangenen Saison sind weg, die neuen Stürmer zünden noch nicht, hinten wackelts und vorne hoffen wir auf den lieben Gott und Standards. Aber sagen wir mal so: Das machen gefühlt knapp 60% der Liga so. Bockstarkes 4-2-3-1 mit schnellem Umschaltspiel über die Flügel. 1000-mal gesehen, 1000-mal erlebt. Das macht die Bundesliga zurecht zur coolsten Liga mit den geilsten taktischen Innovationen und besten Weltmeistern der Welt.

Aber anders als die anderen Graupenklubs der zweiten Tabellenhälfte hat Hannover 96 den #frontswag-Faktor. Als bescheidener Gründer der gleichlautenden Unterstützer-Kampagne kann ich gar nicht anders, als die Tipps auf seinen schnellen Rauswurf klar zurückzuweisen. Der “schlechteste Bundesliga-Trainer mit über 100 Spielen ever ever ever” hat es immerhin geschafft, in seinen bislang fünf Ligaspielen mit 96 acht Punkte zu holen. (Ja, das war fast alles Stindl/Briand, aber pssst.) Und diese acht Punkte waren bitter nötig, denn anders als in der Saison davor war der Abstiegskampf alles andere als ein Schneckenrennen.

Ich muss zugeben: Bei seinem Dienstbeginn war ich skeptisch. Und die Niederlage trug nicht zur Hoffnung auf den Nichtabstieg bei. Doch dann kam das Unentschieden gegen Wolfsburg und damit hatte der Klub wieder leichten Puls. Okay, vielleicht nur Kammerflimmern, aber der Defibrillator stand zumindest wieder in Reichweite. Und wurde dann gegen Bremen, in Augsburg und gegen Freiburg auch genutzt.

Fantakorn > Fantasie

Der Sommer war lang. Viele Spieler verließen den Verein, manche hochverdiente Stammspieler und Europapokalhelden, andere kurzfristig geholte Kaderspieler. Andere wurden vom britischen Pfund oder einer Stadt mit Dom weggelockt. Neu im Kader stehen jetzt jede Menge junge Spieler und ein paar Routiniers, die noch nicht ganz zu sich gefunden haben. Die Interviews hören sich zwar alle so an, als würden sich alle gut miteinander verstehen, aber auf dem Platz wird es durch diese vermaledeiten Gegenspieler immer wieder erschwert. Da muss man sich mal was einfallen lassen, das ist ziemlich nervig.

Trotz all meines größtenteils unbegründeten Optimismus (oder zählt Fanta-Korn als ausreichende Begründung?) glaube ich nicht, dass ausgerechnet 96 einer dieser oben angesprochenen Vereine sein wird, die nach oben schießen. Dafür steht Hannover in der zweiten Runde des Pokals und wird mit der Taktik “gegen Viertligisten wacklig gewinnen und gegen die großen auf Ausrutscher am Elfmeterpunkt hoffen” natürlich ohne Probleme mindestens das Pokalfinale erreichen. Der Titel muss drin sein, der letzte ist dann auch schon 24 Jahre her. Also nur, wenn man den Lublin-Cup nicht mitrechnet. In der Liga werden wir richtig entspannt im Mittelfeld rumgammeln und nur bedingt sehenswert sein. 34 “Spiele für Taktikfreunde” (eine Formulierung, gegen die sich ebenjene glaube ich seit jeher wehren) erwarten uns und hoffentlich müssen sich nicht viele neutrale Bundesliga-Fans 96-Spiele angucken. Andererseits denke ich, dass gerade eine Rosskur mit Hannover 96 als internationalem Aushängeschild anstelle der AG aus München die vollkommen überblähte Hype-Blase der Liga in Asien und Nordamerika platzen lassen würde. Zumindest würde es die PR-Abteilung endlich einmal vor eine echte Aufgabe stellen, mit #frontswag die von der Premier League schon komplett abgegrasten Märkte zu erschließen.

Kleinere Brötchen backen, bitte

Seit dem Aufstieg 2002 hatte 96 keinen Stürmer mit mehr als 12 Saisontoren, nur zweimal erzielte der Verein nach Wiederaufstieg mehr als 49 Saisontore. Das konnten wir also eh noch nie, eine Verteufelung jenes Aspekts ist also nichts anderes als die Erkenntnis, dass wir seit 2002 keinen Schritt vorwärts gekommen sind. Weit nach hinten sind wir aber auch nicht durchgereicht worden. Ja, andere Vereine investieren mehr und streben schneller nach Europa. Andererseits sind für viele ehemalige Liga-Größen die Niederungen von Aalen/Sandhausen im besten Fall beziehungsweise die Dorfplätze der Regionalligen im schlechtesten Fall die Realität geworden. Manchmal möchte man es den Fans ins Gesicht brüllen, dass dieser Verein die ultimative graue Maus der Liga ist. Die Europa-League-Phase war toll und begeisternd, aber nie nachhaltig für den Verein unserer Größe. Und man tut gut daran, diese Episode im Herzen zu bewahren und davon zu träumen, bis man bald mal wieder dort auflaufen darf. In ein paar Jahren vielleicht. Mit #frontswag.

Und weil es dazu dieses Jahr natürlich nicht reicht, werden wir vielleicht 12. oder 13. Komplett entspannt. Mit #frontswag.

“Rückrunde war Fanta-Korn” – Das große 96-Abschlusszeugnis

Nach dieser spektakulärsten Spielzeit der besten Liga aller Zeiten ever and ever ist es Zeit, bei der grauesten der grauen Mäuse Bilanz zu ziehen. Im Anschluss an insgesamt 36 Spiele mit wenigen Höhen und vielen, vielen Tiefen folgt die spielfreie Zeit, die wir alle bitter nötig haben. Allen voran meine arme Leber. So here it comes, in all its glory, die komplett subjektive und trotzdem (andere würden sagen gerade deswegen) einzig wahre Saisonauswertung:

Tor

Ron-Robert Zieler: Irgendwo zwischen Weltmeister und Kreismeister. Teilweise überragende Paraden, andererseits hanebüchene Fehler bei Gegentoren. Darf im Sommer gerne mal mit Kiyotake Freistöße üben. Im Zweifel kann er dann auch auf Phrasendrescherei in Interviews verzichten. Kandidat für die Kapitänsbinde nächste Saison. Außer natürlich, jemand zieht seine Klausel im Sommer. Spielte jede Pflichtspielminute der Saison.
Note: 3

Robert Almer: Durfte auf der Bank sitzen und blieb trotzdem Österreichs Nationaltorhüter. Das ist auch schon bezeichnend. Weil nächstes EM-Jahr ist und Österreich immer noch Chancen auf eine Qualifikation hat, braucht er nun doch etwas Spielpraxis und geht zu Austria. Verständlich.
Note: n/a

Markus Miller: Nie im Kader, öfter verletzt. Hat seinen Vertrag erfüllt und beendet nun anscheinend seine Karriere. Schön, dass er mental zumindest wieder fit ist.
Note: n/a

Timo Königsmann: Der Nachwuchskeeper saß ab und zu auf der Bank. Könnte langsam mal einen neuen Vertrag unterschreiben.
Note: n/a

Abwehr

Marcelo: Unumstrittener Abwehrchef. Zwar immer noch für den ein oder anderen Schnitzer oder viel zu viele Eigentore gut, aber insgesamt ist er solide. Traf aber endlich auch mal ins richtige Tor, gegen Paderborn und Frankfurt. Durfte dank Schipplocks Verzicht auf eine nachträgliche Bestrafung jede Bundesligaminute absolvieren. Mit einem schnelleren Partner neben ihm steht die Abwehr gar nicht mal so schlecht.
Note: 2-

Christian Schulz: Der alte Mann hatte öfter mal Rücken, trotzdem war er unumstritten die #2 in der Innenverteidigung. Knipste gegen die Hertha, ansonsten offensiv unauffällig. Mit 32 wird Schulle nicht mehr schneller, das sah in der Verteidigung manchmal etwas sehr unglücklich aus. Hat noch ein Jahr Vertrag, fühlt sich in Hannover wohl.
Note: 4+

Miiko Albornoz: Stammkraft hinten links in seiner ersten Bundesliga-Saison. Man hat öfter gemerkt, dass der Schritt von der schwedischen Liga ein großer ist, teilweise waren echt schlechte Spiele dabei. Dazu fehlt ihm in der Offensive immer noch ein bisschen die Traute, den Ball mal vorbeizulegen und durchzuziehen, die Spritzigkeit hat er eigentlich. Die Flanken sind besser als der Durchschnitt, drei Torvorlagen sind sehr gut. Die Rettungsaktion auf der Linie gegen Paderborn ist Szene der Saison.
Note: 3

Hiroki Sakai: Hiroki, Hiroki… bei ihm weiß ich echt nicht. Engagement will ich ihm wirklich nicht absprechen, aber manchmal geht es einfach nach hinten los. Hat es in den letzten Jahren nicht geschafft, sich als Stammkraft hinten rechts festzuspielen. Jeden Sommer (und Winter) wird ein neuer Rechtsverteidiger geholt, der aber auch nie was ist. Flanken sind nicht so wirklich sein Ding, andererseits ist er gerne vorne mit dabei, teilweise sogar viel zu weit. Mit etwas mehr Konzentration werden die Fehler hoffentlich weniger.
Note: 3-

Felipe: Wer hätte gedacht, dass Felipe gesund sein kann? Das ewige Lazarett brachte es tatsächlich auf 11 Liga-Einsätze und das Pokalspiel in Aalen (Aleschia? Isch kenne dieschesch Aleschia nischt!). Kam öfter mal, wenn ein knapper Vorsprung gehalten werden musste. Dazu ein klasse Spiel gegen Dortmund in der Hinrunde. Bessere Haare als Dante.
Note 4

Christian Pander: Es gab anscheinend Momente in der Hinrunde, in der Pander nicht verletzt war. Wurde öfter mal für Miiko eingewechselt, als der noch nicht die Luft für 90 Minuten hatte. 8 Ligaeinsätze und das Pokalspiel gegen Walldorf. Wird den Verein wohl nach 4 Jahren verlassen, der Vertrag läuft aus und er ist 31. Ich erinnere mich noch an sein erstes Pflichtspiel für 96, das Pokalspiel an der Lohmühle gegen Anker Wismar. Konnte in dieser Saison keine Akzente setzen. Vielleicht macht „Funky Pee“ jetzt wieder Musik.
Note: 4

Joao Pereira: Der Backup im Winter, als der Stojanovic-Deal leider scheiterte. 6 Monate Vertrag, das reicht dann auch. Auf Instagram besser als auf dem Platz. 5 Einsätze, einmal gelb/rot beim Topspiel in Köln. So long.
Note: 5

Marius Stankevicius: Notlösung nach Hoffmanns Verletzung. 2 Einsätze: 70 Minuten gegen Dortmund und 10 gegen Freiburg. Ein-Jahres-Vertrag voll erfüllt. Mit mein Lieblingstransfer diese Saison. Ein alter Mann mit Einwürfen wie ein Katapult. Durfte nie einen Freistoß schießen, sonst wäre klar gewesen, ob es nicht doch ein verkleideter Michael Tarnat war. Wird wieder gehen, hat 80 Minuten lang alles gegeben.
Note: 3+

Stefan Thesker: Im Sommer ablösefrei geholt, Ende der Hinrunde zwei Einsätze gemacht und sich ins Schaufenster gestellt. Im Winter war er auf einmal in Fürth, und das nicht mal ausgeliehen. Zweite Liga ist wohl eher seins. Gab ein paar Euros.
Note: n/a

Florian Ballas: Durfte in Aalen mitspielen. Dann war er im Winter zum FSV Frankfurt verschwunden.
Note: n/a

André Hoffmann: Kreuzbandriss am 2. Trainingstag. Comeback nach 10 Monaten in der Reserve. Greift hoffentlich im Sommer neu an. Ihn würde ich gerne neben Marcelo in der Innenverteidigung sehen.
Note: n/a

Niklas Teichgräber: Nachwuchs ohne Einsatzzeit.
Note: n/a

Mittelfeld

Hiroshi Kiyotake: 4,3 Millionen waren ganz schönes Ballast, dazu musste er sich mit Stindl ein bisschen über die Rollenverteilung klar werden, das wurde am Ende immer besser. Auf der 10 fühlt er sich wohl, wurde letzten Sommer ja sicher schon als Nachfolger verpflichtet. Ein bisschen Vorausschauen kann der Verein ja auch. 5 Tore, 5 Vorlagen. Der Freistoß gegen Dortmund und der Kopfball gegen Freiburg sind Zucker. War immer der erste Offensivspieler, der ausgewechselt wurde. Lag vielleicht ein bisschen an der mangelnden Kondition. Ansonsten bin ich mit ihm zufrieden.
Note: 2-

Leonardo Bittencourt: Ach, Leo… Nach dieser Saison holt Dortmund dich sicher nicht für 5 Millionen wieder zurück. Jetzt hängst du hier fest. Stammplatz auf dem Flügel an Briand verloren, danach Kurzeinsätze und Muskelfaserrisse. Spricht gerne in ihm nahestehenden Mikrofone, auf dem Platz reichte es zu einem Tor, drei Vorlagen und fünf gelben Karten. Nicht genug.
Note: 4-

Manuel Schmiedebach: Ist langsam in die Pinto-Rolle reingewachsen, mit all den positiven und negativen Begleiterscheinungen. Stammkraft im defensiven Mittelfeld (hoffentlich nie wieder rechts hinten!), das ist aber relativ wacklig, wenn andere Spieler mal aus dem Quark kämen. Offensiv war nie seins, wird’s auch nicht mehr. Teil 1 der komischen Frisuren-Wette.
Note: 3-

Edgar Prib: Erstes Tor der Saison geschossen, damals gegen Schalke. Ewigkeiten her. Hat nur wenige Spiele durchspielen dürfen, klassischer Kaderspieler, der zwar viel arbeitet, aber von dem man eigentlich immer etwas mehr erwartet, als er dann tatsächlich bringt. Wird auch in der kommenden Saison eher kein Stammspieler im linken Mittelfeld.
Note: 4

Lars Stindl: Nu isser weg, der Held von Kopenhagen. Hat sich reingekniet wie kein Zweiter, als Kapitän immer vorweg gegangen und gefightet. In der Rückrunde im Grunde fast alleine torgefährlich gewesen, hat den Verein am Schopf in der ersten Liga gehalten. Jetzt darf er zur Belohnung Champions League spielen und keine Sau ist böse über seinen Abgang. Großartiger Mensch, vielleicht ein kleines bisschen zu aufbrausend gewesen und unnötige Karten gesammelt.
Note: 1-

Ceyhun Gülselam: Der Buhmann der Hinrunde. Da durfte jeder Fan mal. Kein guter Fußballer, aber eine Kante. Bleibt Kaderspieler, für ablösefrei nicht schlecht. Gegen Dortmund ein großartiges Spiel abgeliefert.
Note: 4

Leon Andreasen: Verletzungsfreie Saisons wird Andrööösen nicht mehr spielen, aber immerhin schafft er es immer wieder zurück. Hat gegen Hamburg getroffen, als Slomka noch Trainer dort war… Vertrag läuft aus, vielleicht gibt es ja noch einen neuen. Wäre für den Kader nicht verkehrt, dann wäre er auch Anwärter auf die Binde. Teil 2 der komischen Frisuren-Wette.
Note: 3

Salif Sané: Im Winter schon fast weg, dann doch begnadigt. Hat gezeigt, dass er – wenn er Bock hat – einer für die Startelf ist. Und momentan hat er Bock. Besserer Kicker als Gülselam, deutlich. 8 gelbe Karten in 18 Spielen sind vielleicht etwas viel, da könnte er was dran schrauben. Apropos schrauben: Was für ein geiler Fallrückzieher gegen Wolfsburg!
Note: 2

Maurice Hirsch: In der Hinrunde der groß gefeierte Mann, der die 6er-Position revolutionieren sollte. Konnte ein kleines bisschen kicken. Insgesamt 7 Einsätze, Vertrag läuft auch aus.
Note: 4

Sebastian Ernst: Nachwuchsmann. Schnupperte gegen Aalen kurz Luft in der ersten Mannschaft.
Note: n/a

Tim Dierßen: Talent. Vielleicht nächste Saison.
Note: n/a

Sturm

Joselu: Königstransfer und Buhmann der Rückrunde. 8 Tore sind trotzdem okay, auch wenn es eindeutig mehr hätten werden können und müssen. Greift im Sommer hoffentlich nochmal neu an, um den Starterplatz zurückzuerobern. In der Hinrunde war er wirklich schwer in Ordnung. Und ich habe 3x lieber Lu als Vereinstransferrekord als Mike Hanke.
Note: 3+

Jimmy Briand: Der Bulle. Sah im rechten Mittelfeld immer so aus, als würden ihn mit dem ersten Ballkontakt acht Gegenspieler mit Kettensägen jagen. Hatte da keine Ruhe im Spiel, es war zum Verzweifeln. Umso besser der Einsatz vorne drin: 3 Tore und 6 Vorlagen sind famos. Wenn sich kein französischer Verein findet, der ihn nehmen will, behalte ich ihn gerne als Option vorne noch ein weiteres Jahr.
Note: 2-

Artur Sobiech: Joker. Tore gegen Hamburg in Hin- und Rückspiel. Danach war das Knie kaputt. Greift hoffentlich im Sommer neu an, mehr als Kaderspieler wird er aber glaube ich nie werden. Dafür kam bislang zu wenig, auch wenn er mal starten durfte.
Note: 4

Kenan Karaman: Joker. 11 Einsätze, alle von der Bank. Dabei kam offensiv nur wenig auf die Kette. Die einzige erwähnenswerte Aktion ist das Dribbling vor dem 2:0 gegen Freiburg. Zu wenig.
Note: 4-

Jan Schlaudraff: Hauptberuflich als Babysitter in Trainingslagern unterwegs, im Nebenberuf Bundesliga-Profi. Schlaufi ist nun einfach zu alt. Wenn er clever ist, geht er eine Liga runter und stellt sich als Ballverteiler auf die Sechs. Durfte in beiden Pokalspielen mitwirken und wurde dazu fünfmal eingewechselt. Vertrag läuft aus. Danke für alles, besonders das Spiel gegen Sevilla!
Note: 4-

Didier Ya Konan: Merchandise-Transfer für die Fanherzen im Winter. Ist glaub ich immer noch nicht fit. Das Tor gegen Frankfurt war Zucker. Glaube nicht, dass er noch einen neuen Vertrag bekommt.
Note: 4-

Trainer

Tayfun Korkut: Er war stets bemüht. Kein schlechter Trainer, aber sicher keiner für die erste Reihe. Arbeitet bestimmt lieber irgendwo im Hintergrund.
Note: 4-

Michael Frontzeck: #frontswag. Was habe ich mich mit Hartalk bewaffnet, um mich auf die Spiele und den unvermeidlichen Abstieg vorzubereiten. Und dann wurde es doch die Rettung. Danke dafür! In der neuen Saison darf trotzdem jemand anders an der Seitenlinie stehen.
Note: 3

Leihspieler

Adrian Nikci: Spielte in der Hinrunde als einziger 96er Europapokal. War auch für Young Boys nicht gut genug. Dann ging er ganz zu Nürnberg, ist da auch nur Joker. Sagt alles.

Samuel Radlinger: War mal kurzzeitig #2 in Nürnberg. Gespielt hat er nicht. Kommt wieder, auch wenn er hier eher keine Zukunft hat.

Vladimir Rankovic: Das bajuwarische Juwel. War in Aue erst Stamm, dann Bank, dann Tribüne. Dann stieg Aue ab. Kommt wieder.

Valmir Sulejmani: Ist ein Talent. Konnte sich bei Union ein paar Mal auf der Bank präsentieren. Gelegentlich gab es Kurzeinsätze. Braucht noch Zeit. Kommt wieder.

Fazit

Gesamte Saison: Hinrunde war von der Tabelle besser als es spielerisch war. Rückrunde war Fanta-Korn. Note 3- für die ersten 17, Note 5 für die zweiten 17 Spiele. Macht zusammen…
Note: 4-

119

119. Keine besondere Zahl. 7 mal 17. Die Primfaktorzerlegung ist schnell gemacht. Und offenbart dabei das Besondere: 17 Wochen. 17 Wochen, in denen der Hannoversche Sportverein von 1896 keinen einzigen Pflichtspielsieg erringen konnte.

Am Freitagabend – Tag 115 – bestand zuletzt die Chance, diesen Zähler auf Null zurückzustellen. Der Verein hatte gegen Hertha BSC zu Stimmung auf den Rängen aufgerufen. Die ersten zehn Minuten begannen engagiert im 4-1-4-1. Dann folgten 65 Minuten Langeweile. Plötzlich stolperte Schulle einen Eckball ins Tor. Euphorie. Und der Beginn der Bettelei um den Ausgleich. Stocker bedankte sich in Minute 86 mit einem Schuss, der viel zu gut für das Spielniveau war. Ein qualitativer Ausreißer nach oben, unerhört. Und im Rund des Niedersachsenstadions sehnte man sich zurück in den Winter.

Es war der 16.12. Teile Deutschlands freuten sich über Schneefall, Kinder und Erwachsene sehnten gleichermaßen den Heiligen Tagen entgegen. An diesem kalten Dienstagabend sollte Hannover 96 etwas gelingen, was die nächsten vier Monate vollkommen in Vergessenheit geraten sollte: Ein Sieg in der höchsten deutschen Fußball-Spielklasse. Am 16. Spieltag, mitten in der „englischen Woche“ vor Weihnachten, sorgten Salif Sané und Joselu mit zwei Treffern für einen Erfolg gegen die Überraschungsmannschaft vom FC Augsburg. 2:0, mehr Tore geschossen als der Gegner: Im Jahr 2015 gelang das nur im Trainingslager in Belek und während der Länderspielpause gegen Erfurt.

In der Form-Tabelle am Boden, der Trainer schon mehrfach angezählt. Manager und Präsident werden von Teilen der Fans zum Rücktritt aufgefordert; die einzige Stimmung, die momentan durchdringt. Dass der Kapitän und beste Spieler im Sommer für 3 Mio. € nach Mönchengladbach geht, sorgt nicht für Entrüstung, sondern höchstens für ein leises Seufzen. Die einzige Chance, ihn zu halten, war ein Angriff auf die internationalen Plätze. Das ging relativ fix nach hinten los. Von Lars Stindl abgesehen, enden zehn Verträge bei Hannover 96 im Sommer. Bei manchen hat der Verein noch eine Option, bei anderen ist der Abschied klar. Robert Almer, Leon Andreasen, Jimmy Briand, Maurice Hirsch, Markus Miller, Christian Pander, Joao Pereira, Jan Schlaudraff, Marius Stankevicius, Didier Ya Konan. Die Zeichen stehen seit vergangenem Sommer auf Umbruch. Diesen Sommer wird ein gewaltiger Batzen hinzukommen. Und das sind nur die Spieler, von denen man es sicher weiß. Wie viele des restlichen Kaders bei einem immer noch möglichen Abstieg gehen könnten, entzieht sich meiner Kenntnis. Und bei der momentanen Ungewissheit über den Ligaverbleib kann man noch nicht einmal entsprechende Alternativen für den Kader 15/16 holen – ein Tanz auf der Rasierklinge.

Die nächste Chance zum Reset besteht am Tag 123 in Leverkusen. Es ist aber gut möglich, dass auch nach dem Tag 158 (Zuhause gegen Freiburg) der Zähler weitertickt. Dann ist die Saison vorbei, außer wir landen auf der 16. Momentan spricht nicht viel dafür, dass es aufhört, das Warten auf einen Sieg.

Das Ding mit Gülselam

Jetzt ist es also mal wieder soweit. Drei Spiele in Folge verloren. Zum zweiten Mal diese Saison. Beim ersten Mal waren es Stuttgart, Bayern und Gladbach, nun Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg. Drei Spiele, wo man prinzipiell als Hannover 96 sagen kann: kann man gegen punkten, aber wahrscheinlich sind die drei Teams besser als wir. Aber man stand ja vor dem Bayer-Spiel hochverdient und die Augen nur nach oben auf Platz 4 und wir träumten alle von Champions-League-Nächten im Niedersachsenstadion und ordentlichen Reisen durch Europa….

Hahaha. Ja nee, is klar. So, nun haben wir drei Spiele gegen Champions-League- bis Europa-League-Aspiranten verloren, was wir nachweislich (siehe offizielles Saisonziel vor dem 1. Spieltag) nicht sind. Und in einer Saison, in der der erste Teil des großen Durchbruchs im Kader stattfindet (der noch größere Teil 2 folgt im Sommer) und in der es keinen Stress, keinen Druck, keine Panik auf Team und Trainer geben sollte, drehen die Fans teilweise frei, dass es nicht mehr feierlich ist.

Das ging ja schon los, als nach Stuttgart-, Bayern- und Gladbach-Niederlagen die ersten Stimmen laut wurden, die allen Ernstes Mirko Slomka wiederhaben wollten. Der Griff zum Alkohol war selten so schnell. Leute…

Jetzt sind die nächsten Spiele verloren, die ja gar nicht mal so schlecht waren (aber das ist ja wieder dieses gefährliche Abdriften vom Schwarz-Weiß-Denken in differenzierte Graubereiche… gegen Leverkusen teilweise auf Augenhöhe und mit guten Chancen gegen Leno, gegen Hoffenheim schöne Kombinationen und fast ein Punkt dort, wo wir nie punkten, gegen Wolfsburg mindestens gleichauf) und ein Sündenbock ist wieder schnell gefunden. Ceyhun Gülselam.

Kleiner Exkurs

Während der Zwangspause von Andrööösen mit Kreuzbandriss 2012/13 hatte 96 ein defensives Mittelfeld bestehend aus Pinto und Schmiedebach. Beide können mit dem Ball um und sind aggressiv im Zweikampf. Was ihnen fehlt, ist Lufthoheit. Was dazu führte, dass bei Abstößen immer ein Innenverteidiger (Schulz, Eggimann, Haggui) ins Mittelfeld rücken musste, um den Ball in der Luft zu attackieren. Die Abwehrkette war dadurch per se zerstört und in die Lücken stießen die Gegner sofort. Erinnert sich jemand an das 4:5 zum Rückrundenauftakt bei Schalke? Ein Paradebeispiel. In seiner Not hatte Manager Schmadtke, der wie Trainer Slomka um das Problem wusste, fünf Tage zuvor einen Top-Transfer getätigt. Durch akribisches Video-Studium hatte Schmadtke einen Hünen, ja gar einen Bullen in den Niederungen der brasilianischen Liga ausgemacht. Der nächste Transfer aus dem Nichts à la Abdellaoue und Ya Konan. Und es kam… Franca. 8 Zentimeter zu klein, infiziert mit Tuberkulose. Der Verein das Gespött der Liga.

Im Sommer 2013 holte der neue Sportdirektor Dirk Dufner einen langen, spielstarken Innenverteidiger/defensiven Mittelfeldspieler, den erwähnten Sané für kolportierte €2m. Mit ihm stabilisierte sich die Abwehr ein wenig, vor allem aber war Andrööösen wieder fit und erneut Stammkraft auf der 6. Nach der Hinrunde unter Mirko Slomka wurde Sané relativ schnell unter Nachfolger Korkut aus disziplinarischen Gründen in die Reserve verschoben. Sané ist beliebt bei den Fans. Die Entscheidung wurde von Anfang an kritisiert, immer wieder wurde die Rehabilitierung gefordert. Neulich wurde sie tatsächlich vollzogen, die Differenzen zwischen ihm und dem Coach scheinen geklärt.

Zurück zu Gülselam

Mit Sané in der Reserve und Andrööösen sowohl im fortgeschrittenen Alter als auch weiter verletzungsanfällig suchte der Verein einen neuen Ausputzer nach beschriebenem Profil. Es wurde Ceyhun Gülselam. Ablösefrei. Vertrag bis 2016, kaum Risiko für den Verein. Die Saison begann, Andrööösen war fit und spielte neben Schmiedebach auf der Doppel-Sechs. Spielerisch war das nicht berauschend, aber es lief ganz gut, der Saisonstart war erfolgreich.

Dann kam das, was keiner ahnen konnte: Andrööösen war wieder mal verletzt. Neuzugang Gülselam sprang ein. Warum? Er ist defensiver Mittelfeldspieler, kopfballstark, aggressiv in den Zweikämpfen. Er spielte nun also. Sein Job war die Spieleröffnung zwar nicht – dafür steht neben ihm der 17 Tage ältere Manuel Schmiedebach, der jahrelang von Sergio Pinto lernte – aber er probierte es und das ging auch oft genug schief. Dafür eroberte er den Ball am Boden und in der Luft. Machte also seinen Job nicht schlecht. Aber er hat in seiner ersten Bundesliga-Saison halt auch noch Fehler im Spiel. Haben andere auch. Seine sahen teilweise sehr unglücklich aus, besonders das Eigentor in Aalen im Pokal ist bei den Fans im Kopf hängen geblieben. Da ist das Tor gegen Leverkusen vergleichsweise nichts wert.

Kaderplanung

Gülselam spielt da, wo Teile der Fans einen besseren Spieler sehen wollen. Einen wie Sané. Vielleicht kommt der bald wieder in die Startelf, vielleicht auch nicht. Fakt ist, besser ist unser Kader nicht. Ja, das kann man dem Manager anlasten. Dieser hatte im Sommer aber genug damit zu tun, das vorhandene Geld in wichtigere Baustellen zu stecken. Joselu, Kiyotake und Albornoz waren wichtige Bauteile im neuen Kader nach dem Abgang von Huszti, Diouf und Pocognoli (und weil Pander immer verletzt ist). Die restlichen benötigten Spieler wurden dann ablösefrei geholt: Almer, Briand, Gülselam, Hirsch, Karaman, Pietler, Rankovic, Stankevicius, Thesker. Manche davon sind fester Bestandteil der Mannschaft, andere spielen in der Reserve. Wie dem auch sei, es sind Transfers ohne Risikos, teilweise mit Perspektive, teilweise als Übergangslösung.

Sündenbock

Jetzt also das: Hämischer Applaus bei der Auswechslung gegen Wolfsburg von den eigenen Fans. Wenn es eins zeigt, dann wie schnelllebig das Geschäft ist. Und, dass 96 nicht anders ist als jeder andere Verein. Auch wenn man es nach den letzten fünf Jahren gerne hätte. Fans, die Spieler verhöhnen und niedermachen und es versuchen mit “Kritik darf man aber äußern” zu begründen. Dass etwas als Beleidigung aufgefasst werden kann, wo es als Kritik gemeint war, scheint bei manchen Fans nicht bekannt zu sein. Und dass die Grenze zwischen Kritik und Beleidigung bei jedem Menschen unterschiedlich verläuft, gehört ebenfalls dazu. Dass die Psyche eines Fußballers, eines Menschen, kein unwichtiger Teil ist, sollte gerade in Hannover allen Fans bewusst sein. Vor jedem Spiel wird “Niemals Allein” gesungen, danach ein einzelner Akteur auf dem Platz herausgepickt und beleidigt. Wir waren schon mal so viel weiter, warum jetzt dieser Rückschritt? Warum jetzt das Niedermachen? Ich begreif es nicht.