Türchen #10

Österreicher und die Bundesliga – das funktioniert eigentlich immer ganz gut. Zwar hat es im kleinen Alpenland immer mal wieder komische Charaktere, die das Leben von Polizisten bei einer Geschwindigkeitskontrolle bezahlen wollen, aber im Großen und Ganzen sind die Fußballprofis des Landes leicht integrierbar und ein fester Bestandteil der Bundesligakader. Aber für jeden Robert Almer bekommt man einen…

 

Türchen #10: Roman Wallner

Geboren in Graz 1982 verlebte Roman Wallner eine ganz normale Kindheit und Jugend in seiner Heimatstadt. Also, so normal es eben geht, wenn man mit sechs Jahren beim Profiverein der Stadt in die Jugendabteilung geht und dort dermaßen beeindruckt, dass man mit 16 Jahren bei den Profis gegen Inter Mailand in der Champions League eingewechselt wird. Es zeichnet seine komplette Ungeduld aus, dass dieses „ins kalte Wasser schmeißen“ von ihm nicht gewürdigt wurde, sondern ihm mit 17 die Entwicklung zu langsam voran ging, weil er beim Meister und Pokalsieger aus Graz als Jugendlicher noch keine Einsatzzeiten bekam.

Rapider Aufstieg

Im Sommer 1999 ging es zu Rapid Wien, wo er in der ersten Saison noch mit kurzen Einwechslungen vorlieb nehmen musste, allerdings war er spätestens im Herbst 2000 Stammspieler im Wiener Sturm geworden und netzte dort mit fleißiger Regelmäßigkeit. Sein erstes Tor schoss er Im Mai 2000 gegen Bregenz, in den nächsten vier Saisons kamen 41 weitere hinzu. Die erfolgreichste Spielzeit war 2001/02 mit 15 Treffern.

Mit 19 gab er sein Debüt in der Nationalelf gegen Liechtenstein, sein erster Länderspieltreffer kam gegen Deutschland im Mai 2002, als sich die Deutschen vor der bevorstehenden WM 6:2 durchsetzten. Wallner hatte den 2:3-Anschlusstreffer markiert. Insgesamt machte er 29 Spiele für die Nationalmannschaft und traf siebenmal. Zwischen 2006 und 2009 pausierte die Karriere in der Nationalelf jedoch, bei der Europameisterschaft im eigenen Land war er nicht vertreten. Mehr dazu später.

Schon zu Rapid-Zeiten rankten sich jede Menge Geschichten um Wallner. Mehr als einmal sei er wegen Alkoholproblemen aus dem Training geflogen, sein fußballerisches Potential gehe Hand in Hand mit seinen Eskapaden und Exzessen. Befürworter eines solchen Verhaltens würden ihn als einen „lebensfrohen Spieler mit Ecken und Kanten“ bezeichnen, für andere war er sicherlich nur „unprofessionell und asozial“.

96 klingelt, Wallner kommt

Als in der Saison 2003/04 die Leistungen etwas nachließen, entschloss sich Rapid, den erst 22-Jährigen im Sommer auszuleihen. Der neue 96-Manager Ilja Kaenzig fand, dass durch das Vertragsende von Jan Šimák eine große Lücke in das Feiergefüge des Vereins gerissen worden war und machte die Leihe klar, vermutlich in der Hoffnung, dass Trainerfuchs Ewald Lienen den Heißsporn noch formen könne.

Sein erstes Spiel für Hannover absolvierte er am 4. Spieltag gegen den SC Freiburg, blieb jedoch blass und wurde beim Stand von 2:1 für Thomas Christiansen ausgewechselt, das Spiel endete 2:2. Zwei Spiele später kam es zu seinem ersten Joker-Einsatz gegen Schalke 04, allerdings auch ohne nachhaltigen Eindruck.

His life – summed up in a day

Dies sollte sich jedoch am 3. Oktober 2004 ändern: Einen Tag nach dem 3:1-Auswärtserfolg bei Hansa Rostock, bei dem Wallner auf der Bank geblieben war, wollte er die Länderspielpause nutzen, um nach Hause zu fliegen. Für die Nationalelf und die WM-Qualifikation war er erneut nicht nominiert worden. Am frühen Sonntagabend wurde er vor seiner Haustür von der Polizei angehalten. Als bescheidener Mensch und harter Arbeiter, der sich eher wenig aus Alkohol macht, hatte er sich ein Haus in der direkten Nachbarschaft von Gerhard Schröder zugelegt. Nachdem er mit Mitspielern lange im Lokal gesessen hatte, kehrte er nach Hause zurück und wollte sein Auto nur schnell umparken. Blöd, dass um das Haus des amtierenden Bundeskanzlers ständig Polizeiautos patrouillieren. Er wurde sofort kontrolliert und beim Pusten schaffte er 1,8 Promille. Seine bislang beste Saisonleistung.

Aber der Abend war ja noch lang und nach Wien wollte er noch: So machte er sich – hoffentlich mit einem Taxi – auf den Weg zum Flughafen Langenhagen und stellte sich zum Check-In. Dort angekommen, fiel der Stewardess auf, dass Wallner gar keinen Ausweis dabei hatte. Als kühler, durchdachter Charakterkopf, der er ist, versuchte er seinen versoffenen Kopf nach einer enttäuschten, flehenden Aussage abzusuchen, fand aber nur das Wort: „Drecksschlampe“. Dass er danach den Flieger dank seines Charmes auch nicht betreten durfte, versteht sich von selbst. Stattdessen gab es eine Anzeige wegen Beleidigung, Wallner versprach der Frau, nachdem er wieder ausgenüchtert war, ein Ticket zu einem 96-Spiel.

Das Ganze half der Karriere bei 96 nur so mittel, bis zum Saisonende blieben zwar die Schlagzeilen aus, allerdings beschränkten sich die Einsätze auch auf minimale Einwechslungen. Nach insgesamt zehn Saisonspielen war die Spielzeit auch vorbei.

Die Odyssee beginnt

Im Sommer 2005 lieh 96 den Österreicher zurück in die Heimat aus. Zunächst ging es zu Admira Wacker Mödling, einem Klub, der einen investitionsfreudigen iranischen Präsidenten geangelt hatte und nun Richtung Tabellenspitze schielte. Am Ende stieg man jedoch ziemlich deutlich ab und die Disziplin wurde in diesem Verein sehr vernachlässigt. Wallner hatte Probleme mit Mannschaftskollegen und dem Trainer, dazu wurden Gehälter nicht rechtzeitig gezahlt, so dass Wallner die Leihe im Januar 2006 beendete.

In der Rückrunde wurde er von Austria Wien neu ausgeliehen und dort fühlte er sich deutlich wohler als in Hannover, wo er ziemlich verbrannte Erde hinterlassen hatte. Beim Hauptstadtklub war sein Vertrag extrem leistungsbezogen und sein Trainer wollte dem schwierigen Spielertypen eine Chance geben, da er selber so eine Person gewesen sei. Mit Austria wurde er 2006 direkt Doublesieger, auch wenn er nur Kaderspieler war. Im Sommer 2006 sorgte er mit seinem Treffer im Rückspiel gegen Legia Warschau für das Erreichen der Gruppenphase im UEFA-Pokal, was jedoch nicht so gut für Austria lief. Der Verein konnte seinen Erfolg aus der Vorsaison nur teilweise wiederholen, zwar wurde der ÖFB-Pokal verteidigt, in der Liga wurde man aber nur Sechster. Wallner hatte fünfmal getroffen, sein Vertrag wurde aber nicht mehr verlängert.

Schottland und Griechenland

Mit 25 Jahren schaute sich Wallner nun in der großen weiten Welt um. Fündig wurde er zur Saison 2007/08 beim FC Falkirk in der schottischen Liga, bei denen er einen Ein-Jahres-Vertrag unterschrieb. Am ersten und am achten Spieltag durfte er kurz mitkicken, ansonsten war die Tribüne sein Platz. Unzufrieden damit wurde er an Hamilton Academical in der zweiten schottischen Liga ausgeliehen. Dort spielte er dreimal und traf einmal, er wurde aber nur unzufriedener. Dass seine Nationalmannschaftskarriere seit September 2006 ruhte und die Europameisterschaft in Österreich näher rückte, kam noch dazu.

In einem letzten Versuch, die Saison zu retten, unterschrieb er im Januar 2008 einen Vertrag beim stark abstiegsgefährdeten Apollon Kalamarias. Der Aufenthalt dort entwickelte sich zur Farce. Nachdem er im ersten Spiel gegen Olympiakos Piräus gespielt hatte, meldete sich die FIFA und erklärte, durch die vorherige Ausleihe bei Hamilton sei eine regelkonforme Spielberechtigung bei einem weiteren Verein zumindest fragwürdig. Der griechische Verband hatte das 1:0 von Apollon in ein 0:3 gewandelt, dagegen zogen die Vereine AEK und Panathinaikos vor Gericht, sogar vor das CAS, das höchste Sportgericht, weil durch diese Umwertung Olympiakos noch an AEK vorbeigezogen und Meister geworden war.

Während die griechischen Vereine dies alles vor Gericht austrugen, sah Wallner seine letzte Chance für die Euro davonschwimmen und suchte während seiner Spielsperre einen neuen Verein. Apollon war ohne ihn abgestiegen, er probierte es noch einmal bei Skoda Xanthi, mehr als fit halten konnte er sich dort aber nicht.

Zurück nach Österreich

Im Januar 2009, mittlerweile war Wallner fast 27, kehrte er zurück in die Bundesliga. Bei LASK Linz startete er seine Karriere neu und drehte zur neuen Saison richtig auf: In der Hinrunde 09/10 schoss er 14 Tore und legte elf auf, weswegen er im Januar 2010 zu Red Bull Salzburg wechselte und dort fünf weitere Tore schoss. Damit reichte es zu seinem zweiten Meistertitel, den Titel des Torschützenkönigs verpasste er nur um einen Treffer. 2010/11 spielte er in der Europa League unter anderem gegen Juventus und Manchester City, traf in 32 Ligaspielen 18-mal. Nach einer ordentlichen Hinrunde ging es im Januar 2012 unbürokratisch in die 4. Deutsche Liga zu RB Leipzig, wo er sechsmal traf, den Aufstieg in die 3. Liga aber verpasste.

Mittlerweile 30 Jahre alt, wollte Wallner nun wirklich nicht 4. Deutsche Liga spielen und ging zu Wacker Innsbruck, wo er in zwei Spielzeiten 14-mal traf. Das reichte aber nicht, um in der Saison 2013/14 die Innsbrucker vor dem Abstieg zu bewahren. Zufälligerweise war Aufsteiger SV Grödig unerwartet Tabellendritter geworden und brauchte erfahrene Spieler für die Europa League. Zwar konnte Wallner das Ausscheiden in der 3. Runde gegen Zimbru Chișinău nicht verhindern, aber er hatte sich wieder gefangen. Glaubte man. Denn nach zehn Spielen verfiel er wieder in alte Muster und wurde in die zweite Mannschaft verbannt.

Unter dem neuen Trainer Peter Schöttel zeigte Wallner sich zum Start dieser Saison aber reumütig. Schöttel ist ein alter Weggefährte von Wallner und beschrieb ihn treffend als „echten Instinktfußballer“. Wallner wollte sich nun endlich mal mit 33 auf den Fußball konzentrieren. Mittlerweile sind die Beine auch schwerer geworden und die Leichtigkeit des „schlampigen Genies“ ist etwas verloren gegangen, aber es hat in der Hinrunde zu drei Treffern gereicht.

Eine echte #h96legende.

 

Noch jemand?

Nur kurz sei hier noch Marc van Hintum erwähnt, der als Linksverteidiger in der Aufstiegssaison aus der Niederlande kam und bei der Rückkehr in die Bundesliga aushalf. Dort durfte der damals schon 35-Jährige noch zehnmal auflaufen. Mittlerweile ist van Hintum Chefscout bei seinem alten Klub Vitesse Arnheim.

 

Türchen #1 – Daniel Haas (1 Spiel, 0 Tore)
Türchen #2 – Marius Stankevicius (2 Spiele, 0 Tore)
Türchen #3 – Henning Hauger (3 Spiele, 0 Tore)
Türchen #4 – Adrian Nikci (4 Spiele, 1 Tor)
Türchen #5 – Abel Xavier (5 Spiele, 0 Tore)
Türchen #6 – Jan Simak (6 Spiele, 2 Tore)
Türchen #7 – Gunnar Heidar Thorvaldsson (7 Spiele, 0 Tore)
Türchen #8 – Carlitos (8 Spiele, 0 Tore)
Türchen #9 – Erik Jendrisek (9 Spiele, 0 Tore)

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