Das Ding mit Gülselam

Jetzt ist es also mal wieder soweit. Drei Spiele in Folge verloren. Zum zweiten Mal diese Saison. Beim ersten Mal waren es Stuttgart, Bayern und Gladbach, nun Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg. Drei Spiele, wo man prinzipiell als Hannover 96 sagen kann: kann man gegen punkten, aber wahrscheinlich sind die drei Teams besser als wir. Aber man stand ja vor dem Bayer-Spiel hochverdient und die Augen nur nach oben auf Platz 4 und wir träumten alle von Champions-League-Nächten im Niedersachsenstadion und ordentlichen Reisen durch Europa….

Hahaha. Ja nee, is klar. So, nun haben wir drei Spiele gegen Champions-League- bis Europa-League-Aspiranten verloren, was wir nachweislich (siehe offizielles Saisonziel vor dem 1. Spieltag) nicht sind. Und in einer Saison, in der der erste Teil des großen Durchbruchs im Kader stattfindet (der noch größere Teil 2 folgt im Sommer) und in der es keinen Stress, keinen Druck, keine Panik auf Team und Trainer geben sollte, drehen die Fans teilweise frei, dass es nicht mehr feierlich ist.

Das ging ja schon los, als nach Stuttgart-, Bayern- und Gladbach-Niederlagen die ersten Stimmen laut wurden, die allen Ernstes Mirko Slomka wiederhaben wollten. Der Griff zum Alkohol war selten so schnell. Leute…

Jetzt sind die nächsten Spiele verloren, die ja gar nicht mal so schlecht waren (aber das ist ja wieder dieses gefährliche Abdriften vom Schwarz-Weiß-Denken in differenzierte Graubereiche… gegen Leverkusen teilweise auf Augenhöhe und mit guten Chancen gegen Leno, gegen Hoffenheim schöne Kombinationen und fast ein Punkt dort, wo wir nie punkten, gegen Wolfsburg mindestens gleichauf) und ein Sündenbock ist wieder schnell gefunden. Ceyhun Gülselam.

Kleiner Exkurs

Während der Zwangspause von Andrööösen mit Kreuzbandriss 2012/13 hatte 96 ein defensives Mittelfeld bestehend aus Pinto und Schmiedebach. Beide können mit dem Ball um und sind aggressiv im Zweikampf. Was ihnen fehlt, ist Lufthoheit. Was dazu führte, dass bei Abstößen immer ein Innenverteidiger (Schulz, Eggimann, Haggui) ins Mittelfeld rücken musste, um den Ball in der Luft zu attackieren. Die Abwehrkette war dadurch per se zerstört und in die Lücken stießen die Gegner sofort. Erinnert sich jemand an das 4:5 zum Rückrundenauftakt bei Schalke? Ein Paradebeispiel. In seiner Not hatte Manager Schmadtke, der wie Trainer Slomka um das Problem wusste, fünf Tage zuvor einen Top-Transfer getätigt. Durch akribisches Video-Studium hatte Schmadtke einen Hünen, ja gar einen Bullen in den Niederungen der brasilianischen Liga ausgemacht. Der nächste Transfer aus dem Nichts à la Abdellaoue und Ya Konan. Und es kam… Franca. 8 Zentimeter zu klein, infiziert mit Tuberkulose. Der Verein das Gespött der Liga.

Im Sommer 2013 holte der neue Sportdirektor Dirk Dufner einen langen, spielstarken Innenverteidiger/defensiven Mittelfeldspieler, den erwähnten Sané für kolportierte €2m. Mit ihm stabilisierte sich die Abwehr ein wenig, vor allem aber war Andrööösen wieder fit und erneut Stammkraft auf der 6. Nach der Hinrunde unter Mirko Slomka wurde Sané relativ schnell unter Nachfolger Korkut aus disziplinarischen Gründen in die Reserve verschoben. Sané ist beliebt bei den Fans. Die Entscheidung wurde von Anfang an kritisiert, immer wieder wurde die Rehabilitierung gefordert. Neulich wurde sie tatsächlich vollzogen, die Differenzen zwischen ihm und dem Coach scheinen geklärt.

Zurück zu Gülselam

Mit Sané in der Reserve und Andrööösen sowohl im fortgeschrittenen Alter als auch weiter verletzungsanfällig suchte der Verein einen neuen Ausputzer nach beschriebenem Profil. Es wurde Ceyhun Gülselam. Ablösefrei. Vertrag bis 2016, kaum Risiko für den Verein. Die Saison begann, Andrööösen war fit und spielte neben Schmiedebach auf der Doppel-Sechs. Spielerisch war das nicht berauschend, aber es lief ganz gut, der Saisonstart war erfolgreich.

Dann kam das, was keiner ahnen konnte: Andrööösen war wieder mal verletzt. Neuzugang Gülselam sprang ein. Warum? Er ist defensiver Mittelfeldspieler, kopfballstark, aggressiv in den Zweikämpfen. Er spielte nun also. Sein Job war die Spieleröffnung zwar nicht – dafür steht neben ihm der 17 Tage ältere Manuel Schmiedebach, der jahrelang von Sergio Pinto lernte – aber er probierte es und das ging auch oft genug schief. Dafür eroberte er den Ball am Boden und in der Luft. Machte also seinen Job nicht schlecht. Aber er hat in seiner ersten Bundesliga-Saison halt auch noch Fehler im Spiel. Haben andere auch. Seine sahen teilweise sehr unglücklich aus, besonders das Eigentor in Aalen im Pokal ist bei den Fans im Kopf hängen geblieben. Da ist das Tor gegen Leverkusen vergleichsweise nichts wert.

Kaderplanung

Gülselam spielt da, wo Teile der Fans einen besseren Spieler sehen wollen. Einen wie Sané. Vielleicht kommt der bald wieder in die Startelf, vielleicht auch nicht. Fakt ist, besser ist unser Kader nicht. Ja, das kann man dem Manager anlasten. Dieser hatte im Sommer aber genug damit zu tun, das vorhandene Geld in wichtigere Baustellen zu stecken. Joselu, Kiyotake und Albornoz waren wichtige Bauteile im neuen Kader nach dem Abgang von Huszti, Diouf und Pocognoli (und weil Pander immer verletzt ist). Die restlichen benötigten Spieler wurden dann ablösefrei geholt: Almer, Briand, Gülselam, Hirsch, Karaman, Pietler, Rankovic, Stankevicius, Thesker. Manche davon sind fester Bestandteil der Mannschaft, andere spielen in der Reserve. Wie dem auch sei, es sind Transfers ohne Risikos, teilweise mit Perspektive, teilweise als Übergangslösung.

Sündenbock

Jetzt also das: Hämischer Applaus bei der Auswechslung gegen Wolfsburg von den eigenen Fans. Wenn es eins zeigt, dann wie schnelllebig das Geschäft ist. Und, dass 96 nicht anders ist als jeder andere Verein. Auch wenn man es nach den letzten fünf Jahren gerne hätte. Fans, die Spieler verhöhnen und niedermachen und es versuchen mit “Kritik darf man aber äußern” zu begründen. Dass etwas als Beleidigung aufgefasst werden kann, wo es als Kritik gemeint war, scheint bei manchen Fans nicht bekannt zu sein. Und dass die Grenze zwischen Kritik und Beleidigung bei jedem Menschen unterschiedlich verläuft, gehört ebenfalls dazu. Dass die Psyche eines Fußballers, eines Menschen, kein unwichtiger Teil ist, sollte gerade in Hannover allen Fans bewusst sein. Vor jedem Spiel wird “Niemals Allein” gesungen, danach ein einzelner Akteur auf dem Platz herausgepickt und beleidigt. Wir waren schon mal so viel weiter, warum jetzt dieser Rückschritt? Warum jetzt das Niedermachen? Ich begreif es nicht.

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